Leitartikel

Wer nicht fragt, bleibt dumm

Erik Raidt

Es gibt gute Gründe, die Wissenschaft in diesen Tagen zu feiern: Ohne die neuartigen mRNA-Impfstoffe gäbe es noch kein Licht am Ende des Coronatunnels. Ohne die durch Grundlagenforschung verbesserte Photovoltaik und Windenergie keine Hoffnung auf eine Energiewende. Ohne die jahrzehntelange Forschung an der Bekämpfung von Krebs für etliche Patienten keine Aussicht auf Heilung.

Das alles – und noch viel mehr – spricht dafür, in den nächsten anderthalb Wochen beim Stuttgarter Wissenschaftsfestival den Blick auf Forscherinnen und Forscher und deren Arbeit zu richten. Auf die Hochschulen, die den Firmen die qualifizierten Mitarbeiter von morgen liefern: Rund 62 000 Studentinnen und Studenten besuchen Unis und Fachhochschulen – für die Wirtschaftsregion Stuttgart muss es der Anspruch sein, den jungen Menschen aus aller Welt Chancen zu eröffnen und für sie ein weltoffenes Zuhause zu sein.

Gleichzeitig sollte sich die Wissenschaft stärker für Kritik aus der Gesellschaft öffnen. Auch für jene, die in Forschung keinen Fortschritt sehen, sondern eine Bedrohung für ihr gewohntes Leben. Die Hochschulen müssen sich fragen, warum Wissenschaftler vor mehr als drei Jahrzehnten den Klimawandel vorhergesagt haben, die Botschaft jedoch lange kaum Gehör fand. Wie sie mit Menschen ins Gespräch kommen wollen, die nie Medizin studierten, sich aber für kompetenter als Virologen halten.

Dass die Wissenschaft von kleineren Teilen der Gesellschaft angefeindet und von größeren Teilen weitgehend ignoriert wird, ist fatal. Klimakrise, Pandemie, Mobilitätswende: Bei den großen Themen dieser Zeit erwarten die Menschen von Forscherinnen Lösungen. Genau hier liegt das Problem – Wissenschaftler stellen in erster Linie Fragen, die sich auf mitunter hochkomplexe Probleme beziehen. Sie entwickeln jedoch keine Produkte oder Anwendungen. Nur wer die richtigen Fragen stellt, kommt voran, das wissen schon Kleinkinder aus der „Sesamstraße“: „Wer nicht fragt, bleibt dumm.“

Forscherinnen wollen verstehen, wie sich die Erderwärmung in bestimmten Regionen konkret auswirken wird – aber sie haben keine Patentlösung dafür, wie dem Hitzestress der Zukunft zu begegnen ist. Wissenschaftler untersuchen, wie sich bestimmte Krebszellen bei Tumoren ausbreiten, ohne im gleichen Schritt ein Gegenmittel anbieten zu können. Die Mühsal der Grundlagenforschung trifft auf eine konsumorientierte Gesellschaft, deren unmittelbare Wunscherfüllung immer nur einen Mausklick entfernt ist. Das führt zu Spannungen.

In einer Zeit ökologischer und politischer Krisen tun sich Hochschulen und Wissenschaftsministerien erkennbar schwer damit zu erklären, was Forschung leisten kann. Und was nicht. Wissenschaft funktioniert nur in Ausnahmefällen so wie bei der profitorientierten Forschung von Biontech, deren mRNA-Impfstoffe im richtigen Moment wie ein Schlüssel ins Schloss passen.

Die Hochschulen stehen stärker als je zuvor in einem Wettbewerb, liefern zu müssen: Ideen für Start-ups, die die Wirtschaft bereichern. Talente für die Gesellschaft im digitalen Wandel. Ungeachtet dessen würden sich die Universitäten einen Gefallen tun, klar zu benennen, wenn Zweifel bestehen und wie sie zu ihren Erkenntnissen gekommen sind.

Diese Forschung auf Augenhöhe mit den Menschen könnte ein Markenzeichen freier Wissenschaft europäischer Prägung sein. Vieles von dem, was auf den Bühnen des Wissenschaftsfestivals zu sehen und zu hören sein wird, wird unser Leben prägen. Nicht morgen, aber übermorgen.