Leitartikel

Tour de Stuttgart

Jan Sellner

Krieg, Klimawandel, Energiekrise, Mord und Totschlag, Inflation. „Haltet die Welt an. Ich will aussteigen.“ Der alte Spruch wirkt aktueller denn je. Doch zum Glück gibt’s neben dem belastenden Großen und Ganzen auch das kleine Liebenswerte in der Stadt! Bei genauem Hinschauen kommen Dinge und Orte zum Vorschein, die einem den Glauben an die Menschheit zurückgeben oder sagen wir: an die Stadtgesellschaft. Zu solchen positiven Orten führt der heutige kurze Gedankenausflug. Sightseeing mal anders.

Erste Halte- und Auftankstelle ist das Kreativatelier der Behinderteneinrichtung BHZin der Dornbirner Straße in Feuerbach, Heimat der stadtbekannten Holz-Männle. Dort arbeiten Menschen, die ein Handicap haben und zugleich eine große Begabung: Sie können – wie der fabelhafte Kleine Prinz – nämlich mit dem Herzen sehen. Die Sprüche, die dort an den Wänden stehen, handeln nicht vom Aussteigen, sondern vom Mutmachen: „Höre alten Leuten zu“, „Schreibe Liebesbriefe“ oder „Schaukle so hoch Du kannst“. Diese Insel inmitten der Großstadt versetzt Besucher in Staunen. Zuletzt ukrainische Kinder und ihre Mütter, die auf Initiative unserer Redaktion und des BHZ hier ungezwungene Stunden erlebten – jenseits des Krieges und der vielen Sorgen.

Nächster Halt auf der Fahrt zu Stuttgarter Kraftorten ist die Waldau. Dort kommen an diesem Sonntag Läuferinnen und Läufer zusammen, die auf Initiative der Kinderstiftung und des Sportkreises beim 24-Tage-Lauf für Kinderrechte das Herz in die Hand und die Beine unter die Arme genommen haben, um Kinderprojekte zu unterstützen. Von dort aus empfiehlt es sich, Kurs auf den Kräherwald zu nehmen, wo nächsten Sonntag der MTV Stuttgart ebenfalls einen Spendenlauf ausrichtet. Auch das in der Absicht, im Kleinen Gutes zu bewirken. Konkret geht es um Inklusionsprojekte für den Sport.

Die Tour der Hoffnungen durch Stuttgart lässt sich beliebig lange fortsetzen. An vielen Stellen in der auch sonst heiter vibrierenden Stadt finden sich Beispiele für menschliche Zugewandtheit – seien es Charity-Veranstaltungen oder das wöchentliche Tanzen im Rosengarten der Villa Berg. Dieses bürgerschaftliche Kontrastprogramm zur Niedergeschlagenheit hält die Stuttgarter Welt am Laufen. Nicht anhalten und aussteigen ist das Gebot der Stunde, sondern einsteigen.



Schauplatz Stuttgart

Auf dem Schlossplatz beginnt die Zukunft

Uwe Bogen

So viel roter Teppich wird in Stuttgart selten ausgerollt. Bei den 28. Jazz Open sind die Logen um eine zweite Etage erweitert – doppelt so viel Rot erstrahlt nun oben auf der Tribüne des Schlossplatzes wie bisher. Auf beiden Stockwerken sieht man viele zufriedene Gesichter, die Begeisterung ausdrücken: Endlich wieder ein Festival, all die Liebe zur Musik, ohne Beschränkungen! Endlich wieder dieses mediterrane Feierflair und die Leichtigkeit unserer Stadt so wie früher! Das Motto scheint zu sein: Schnell noch mal richtig Party machen, bevor die Lichter ausgehen, sich noch mal intensiv amüsieren, bevor im Herbst die Energiekrise zuschlägt und dazu Corona uns erneut blockiert!

Auf dem roten Teppich gibt’s einen Herrn in Schwarz. Seine Aufgabe ist es, die Gäste der Sponsoren zur Ruhe zu ermahnen, sollten sie beim Anstoßen mal vergessen, dass die Musik die erste Geige spielt. Weil es zwei Logenebenen gibt, also sich die 700 Trägerinnen und Träger von VIP-Bändern verteilen können, entspannt sich die Lage etwas, und der Herr in Schwarz hat nicht so viel zu tun wie früher. Oder liegt’s am herausragenden Programm, das niemand verpassen will?

Weil es höher hinaus geht als in den Vorjahren, fährt erstmals ein Lift die Gäste nach oben. Es ist der erweiterte Lastenaufzug, der allein schon deshalb benötigt wird, weil man Menschen mit Handicap das Erlebnis auf hoher Warte nicht verbauen will.

Die Stimmung ist seit dem Start der Jazz Open so wie das Wetter – traumhaft für ein Festival. Am nicht ausverkauften Donnerstagabend (es sind 5000 Besucherinnen und Besucher da, 7000 wären möglich) bleiben zwar Plätze frei, doch viel wichtiger ist, dass beim Konzert der Ladys mit der Zukunft begonnen wird. Die Sängerinnen Celeste , 28, und Jorja Schmith , 25, sind die Headliner, zwei starke Frauen unter 30, die dafür sorgen, dass sich das Publikum deutlich verjüngt. „Viele der älteren Jazz-Open-Gänger, die beide nicht kannten, waren hinterher ebenfalls begeistert“, berichtet Promoter Jürgen Schlensog . In den Logen (dabei: das vielfältige Stuttgart – vom Modemann Winnie Klenk bis zum Cavos-Wirt Hiki Ohlenmache r, von der Stylistin und Dauner-Witwe Randi Bubat bis zur Kunstmuseums-Chefin Ulrike Groos ) wird ihm attestiert, ein gutes Gespür für die Großen von morgen zu haben. Beide Sängerinnen, die bisher kaum Liveshows in Deutschland hatten, seien backstage selbst geflasht gewesen von der Produktion und dem Publikum, berichtet Schlensog. Seine Einschätzung: „Celeste traue ich ein große Zukunft zu.“ A Star is born – und Stuttgart ist von Anfang an dabei.

Ohne Fannachwuchs kann ein Festival nicht überleben. Das 1967 gegründete Jazzfestival in Montreux hat kürzlich die Partnerschaft mit Tiktok verkündet, dem Portal der 20-Jährigen. Große Namen, heißt es dort, seien bei jungen Menschen nicht so wichtig, ihnen gehe es mehr um ein Gemeinschaftserlebnis. Im Ehrenhof von Stuttgart schreitet Celeste, die dank ihrer starken Stimme mit der vor elf Jahren verstorbenen Amy Winehouse verglichen wird, mit einem wohl endlosen Mikrofonkabel singend durchs vordere Stehplatzpublikum. In Großaufnahmen der Kamera sieht man junge, verzückte Menschen um sie herum – ein Gemeinschaftserlebnis geht ihnen unter die Haut.

Die 1994 gegründeten Jazz Open sind fast 30 Jahre jünger als das Jazzfestival in Montreux, aber in der Champions League angekommen, was sich allein daran zeigt, dass der Sender Arte etliche Konzerte der Saison 2022 aufzeichnet oder live streamt. „Das haben wir uns hart erarbeitet“, sagt Schlensog. Am Sonntag wird es voll beim Festival. Sting wird seine Welthits spielen. Vor drei Jahren wollte er bei seinem Stuttgart-Besuch auch Flaschen aus seinem italienischen Weingut vorstellen. Diese exklusive Weinprobe ist diesmal gestrichen. „Message in a Bottle“ steht aber auch ohne Weininhalt auf seiner Setlist. Das Publikum kann es kaum erwarten!