Leitartikel

Hitze – eine tödliche Gefahr

Hanna Spanhel

Stuttgart Hitze kommt harmlos daher. Nicht so reißend wie eine Sturzflut, nicht so wütend wie ein Tornado. Doch die Auswirkungen einer Hitzewelle können noch verheerender sein. Der Klimawandel trifft nicht nur jüngere Menschen in ferner Zukunft oder Menschen anderswo auf der Welt, sondern viele ältere Menschen jetzt und hier, im vermeintlich erträglichen Süden Deutschlands. Höchste Zeit, Hitze als das zu begreifen, was sie ist: eine Gefahr für uns Menschen und für unsere Lebensgrundlagen. Und höchste Zeit, dieser Gefahr endlich angemessen zu begegnen.

Die gesundheitlichen Risiken von Hitze werden in Deutschland nach wie vor unterschätzt. Untersuchungen belegen, dass hierzulande in den vergangenen Jahren im Verlauf von Hitzewellen Tausende gestorbensind. Bei manchen war die Hitze nur ein zusätzlicher belastender Faktor, bei anderen der ausschlaggebende. Gefährlich kann Hitze für vorerkrankte, ältere und pflegebedürftige Menschen werden, aber auch für Säuglinge und Kleinkinder – und für jene Menschen, die im Freien arbeiten.

Heiße Tage über 30 Grad werden durch den menschengemachten Klimawandel häufiger und Hitzeperioden intensiver – den Zusammenhang haben Forschende aus London und Oxford erst kürzlich wieder klar gezeigt. Diese Entwicklung stellt die ohnehin belasteten Gesundheits- und Pflegesysteme vor große Herausforderungen. Schon jetzt berichten Medizinerinnen und Mediziner von vollen Notaufnahmen an heißen Tagen. Sie warnen, dass die Gebäude mitunter kaum für große Hitze gerüstet sind, oft mangelt es an Klimaanlagen. Ähnliches gilt für Pflegeeinrichtungen. Damit das Bewusstsein steigt und hier flächendeckend etwas passiert, braucht es mehr politische Führung.

Umso mehr, als auch Wirtschaft und Gesellschaft betroffen sind. Arbeit und Produktivität etwa werden beeinträchtigt, schon ab Temperaturen von mehr als 26 Grad lässt die Leistungsfähigkeit nach. Fabrikhallen und Verkehrsinfrastruktur sind hierzulande oft nicht für große Hitze ausgelegt. In der Landwirtschaft führt die Trockenheit zu Ernteausfällen, die Entnahme von Wasser aus dem Boden, aber auch aus Flüssen und Seen wird häufiger zum Streitfall. Und Waldbrände richten großflächige Schäden an.

Es braucht also zum einen technische und bauliche Anpassungen. Dabei sollten Klimaanlagen nur eine Notlösung sein, denn deren hoher Energieverbrauch und Abwärme konterkarieren Bemühungen für Klimaschutz und kühlere Städte. Weniger Flächenversiegelung, weniger Bebauung, mehr Wasser und vor allem viel mehr Grün in den Städten haben auch einen kühlenden Effekt. Hilfreich wäre auch, mehr Regenwasser zu sammeln.

Zum anderen braucht es Informationskampagnen und konkrete Hitzeschutzpläne, die kommunale Akteure, betroffene Einrichtungen und Bürgerinnen und Bürger zusammenbringen. Frankreich etwa – nach leidvollen Erfahrungen – macht vor, wie es gehen kann: Es gibt dort eine nationale Strategie, kühle Zufluchtsräume in den Rathäusern, es gibt Register für alleinlebende gefährdete Menschen und Sozialarbeitende, die diese an heißen Tagen aufsuchen.

Hitzewellen wie die, die Deutschland in den kommenden Tagen treffen wird, müssen ein Weckruf sein: für einen entschiedeneren Kampf gegen die Klimakatastrophe, aber auch für eine Anpassung an unvermeidbare Folgen. Die Pläne und Maßnahmen, die nötig sind, liegen seit Langem auf dem Tisch. Ihre Umsetzung wird teuer. Nichts zu tun aber, das lassen die Schäden von Extremwetterlagen bereits heute erahnen, wird deutlich mehr Geld kosten – und Menschenleben.