Leitartikel

Kernspaltung der Ampel

Armin Käfer

Gilt unwiderruflich „Atomkraft? Nein danke“? Oder doch: Noch ein bisschen? Mit Ablauf dieses Jahres sollte in Deutschland eigentlich das Atomzeitalter enden, die letzten drei Meiler vom Netz gehen. Wenn sie ein paar Monate länger laufen würden, könnte uns das jedoch helfen, besser über den bevorstehenden Winter zu kommen – den Putin zu einer Eiszeit werden lässt, wenn er das Gas komplett abdreht. Die Kernspaltung spaltet nun die Ampelkoalition: Die FDP hat einen befristeten Weiterbetrieb ins Gespräch gebracht. Die Grünen gebärden sich, als sei das ein unumstößliches Tabu. Doch in Zeiten multipler Krisen darf es keine Denkverbote geben.

Mit der Atomdebatte flackert ein ideologischer Grabenkampf wieder auf, der seit Jahren erloschen war. Das aktuelle Regierungsbündnis schien geeignet, den Graben zu überbrücken zwischen Anti-Akw-Veteranen und Kernkraft-Optimisten – von denen es übrigens trotz Tschernobyl und Fukushima weltweit und auch in Europa mehr gibt als skeptische Fundamentalisten in dieser Frage, zu denen die Grünen in ihrer Gesamtheit zu rechnen sind. Für sie ist der Atomausstieg ein epochaler Triumph, an dem möglichst nicht gerüttelt werden soll.

Es geht hier aber keineswegs darum, alte Schlachten noch einmal neu zu schlagen. Auch bei den Liberalen und in der Union gibt es allenfalls eine Minderheit, die es für geboten hielte, den Atomausstieg komplett zu revidieren. Mehrheitsfähig wäre das ohnehin nicht. Aber die Mehrheitsmeinung ist wetterwendisch, wenn sich abzeichnen würde, dass der immens teure und ökonomisch riskante Gasnotstand mit einem Verzicht auf Atomstrom noch ein bisschen kostspieliger und katastrophaler ausfallen könnte.

Das Verständnis für ein stures Festhalten am Kleingedruckten des vor einem Jahrzehnt beschlossenen Atomausstiegs schwindet mit jedem Euro, um den sich die Energiekosten verteuern, mit jedem Kubikmeter Gas, der uns im Winter fehlen wird, um Duschwasser zu erwärmen, in Wohnzimmern und Büros ein erträgliches Klima zu garantieren, Fabriken in Gang zu halten, an denen Zigtausende Arbeitsplätze hängen.

Es gibt drei Kategorien von Argumenten gegen eine Vertagung des Atomausstiegs: psychologische, technische und praktische. Zur ersten Kategorie trägt das Bewusstsein bei, dass verlängerte Laufzeiten für ohnehin abgewirtschaftete Anlagen ein Sicherheitsrisiko bedeuten könnten. Das theoretische Schadenspotenzial eines durch Überbeanspruchung verursachten nuklearen Zwischenfalls übertrifft die Dimension der tatsächlichen Klimaschäden, die ersatzweise recycelte Kohlekraftwerke anrichten. Diese Besorgnis lässt sich kaum rationalisieren. Der Tüv hat jedenfalls keine Bedenken. Technische Hindernisse, die unüberwindlich wären, gibt es offenbar nicht.

Bleibt das Argument des Wirtschaftsministers Habeck, dass wir ohne Putins Gas ein Wärme-, aber kein Stromproblem hätten. Das ist allerdings eine Milchmädchenrechnung. Schließlich könnten Überstunden der verbliebenen drei Atommeiler Ausfälle in Gaskraftwerken kompensieren – oder im Sinne einer Brückentechnologie helfen, dort für einige Monate Gas zu sparen.

Da wäre eine pragmatische Lösung wünschenswert – von einem Minister, der sich dafür feiern lässt, dass er den Pragmatismus zum Grundprinzip seines politischen Stils erkoren hat. Die Befürworter von mehr Pragmatismus in dieser Frage wären allerdings glaubwürdiger, wenn sie selbst zu pragmatischen Kompromissen bereit wären, sobald es um eigene Tabus geht: etwa um ein Tempolimit auf Autobahnen.