Leitartikel

Es braucht mehr als ein Signal

Dirk Preiss

Stuttgart Wenn an diesem Donnerstagabend im ZDF „Die Bergretter“ läuft, auf Sat 1 „110 Notruf Autobahn“ und bei RTL „Raus aus den Schulden“, dann sollten sich all diese Sendungen auf eine Quoten-Niederlage einstellen, denn in der ARD läuft Fußball. Das allein wäre noch keine Nachricht wert, aber in der ARD läuft die Fußball-EM der Frauen.

5,95 Millionen Zuschauer sahen die Partie der deutschen Mannschaft gegen Dänemark, gar 8,02 Millionen waren es beim Duell mit Spanien – und am Samstag holten die Spielerinnen des Deutschen Fußball-Bundes nicht nur einen 3:0-Erfolg gegen Finnland, sondern auch den TV-Tagessieg mit 5,76 Millionen Zuschauern. Das sind beeindruckende Zahlen, und an diesem Donnerstag (21 Uhr) findet all das seine Fortsetzung.

Das deutsche Team trifft im Viertelfinale auf Österreich. Und so schön die EM bislang auch verläuft, der Ausgang dieser Partie wird wichtiger sein als all die Diskussionen der letzten Wochen – als es vor allem um die Frage ging, ob den Fußballerinnen genug Wertschätzung in Form finanzieller Zuwendung entgegengebracht wird. Je 400 000 Euro hätten die Nationalspieler bei einem EM-Triumph 2021 bekommen, 60 000 Euro würden die Nationalspielerinnen bei Titelgewinn kassieren. Die Diskrepanz rief sogar den Bundeskanzler auf den Plan. Olaf Scholz meinte, im Jahr 2022 sollten Frauen und Männer identisch verdienen.

Tatsächlich sollte es in der modernen Arbeitswelt keine geschlechterbegründeten Unterschiede in der Bezahlung geben. Im Sport ist es mit der finanziellen Vergleichbarkeit aber seit jeher so eine Sache – ganz unabhängig von der Gender-Debatte. Während Fußballer, Tennisspieler und -spielerinnen (bei den Grand Slams gilt equal pay) oder Golfspieler derart viel verdienen können, dass sie in wenigen Jahren für den Rest ihres Lebens ausgesorgt haben, schuften andere in Randsportarten teils härter, hangeln sich finanziell von Jahr zu Jahr.

Das jeweilige System schüttet eben aus, was reinkommt. Und dem Fußball der Männer rennen Sponsoren, TV-Sender, Investoren und Zuschauer nach wie vor die Bude ein. Darf der Fußball also die Equal-Pay-Debatte ignorieren und auf die Gesetze des Marktes verweisen? Nein! Aber die Frage nach der Weiterentwicklung der Frauensparte beantwortet sich nicht allein in der Gleichstellung einer Prämie. Diese wäre zwar ein Signal gewesen, und andere Nationen gehen hier auch voran. Viel wichtiger aber wäre, dass der Fußball seine wirtschaftlichen Möglichkeiten umverteilt und nachhaltiger dafür nutzt, die Frauensparte nach vorne zu bringen. Durch eine feste Bezahlung etwa, die ein echtes Profi-Dasein möglich macht.

Dass die Topvereine der Männer verpflichtend mit ins Boot gehören, ist eine Selbstverständlichkeit – war es gerade in Deutschland aber viel zu lange nicht. Weshalb anderswo zigtausend Menschen bei Partien der Frauen zusehen und andere Ligen als sportliche und wirtschaftliche Sehnsuchtsorte gelten. Der deutsche Fußball hat eine Entwicklung verschlafen, die sportliche Vormachtstellung ist dahin, die Zahl der aktiven Fußballerinnen war zuletzt rückläufig.

Nun bietet sich eine neue Chance, das Thema anzuschieben – und es ist die große Frage, was die Verbände daraus machen. Und ob diejenigen, die nun laut nach gleicher Bezahlung rufen, demnächst auch mal bei einem Ligaspiel der Frauen zu Gast sein werden. In der Vergangenheit waren die Worte meist größer als die Taten, weshalb es nicht schaden kann, wenn die Nationalspielerinnen ihren Anliegen noch mehr Nachdruck verleihen. Vor einem Millionenpublikum.