Leitartikel

Unstillbare Reiselust

Annette Schwesig

Warum tun Reisende sich das an? Überfüllte Züge, gestrichene Flüge, Chaos am Flughafen und an den Bahnhöfen. Das Reisen ist in diesem Sommer nach zwei Jahren Pandemie wieder nahezu uneingeschränkt möglich, und man hat den Eindruck, nichts kann die Urlauber bremsen. Kein Stau auf Schienen und Straßen, keine Warteschlangen an den Terminals, kein verschwundenes Gepäck. Alle wollen weg, und zwar am liebsten weit weg: nach Spanien oder Griechenland, in die Türkei oder nach Ägypten. Hauptsache raus.

Wie war das noch in den vergangenen beiden Jahren, als Ferien in der Heimat so angesagt waren? Die Deutschen, einst Reiseweltmeister, haben sich wegen Corona auf Entdeckungstour durch das eigene Land begeben, sie haben staunend festgestellt, wie karibisch sich der Kniepsand an der Nordseeküste anfühlt, wie gut man im Fränkischen essen kann, wie imposant die Bayerischen Alpen sind. Das waren für viele Globetrotter gute und eindrückliche Erfahrungen, aber sie scheinen auf Dauer nicht auszureichen. Trier ist eben doch nicht Rom und Amrum nicht Long Island. Auch wenn man das für ein, zwei Sommer glauben wollte und auch konnte.

Zum Reisen gehört, dass man etwas kennenlernt, was man nicht kennt. Eine Weile funktioniert das auch in Deutschland, aber die Möglichkeiten sind naturgemäß begrenzt. Und dass unbekannte Lebensgewohnheiten, merkwürdige Speisen, fremde Sprachen, anders aussehende Menschen durch das Reisen ihren Schrecken verlieren, das hat immer schon zu den edelsten und nachhaltigsten Nebenwirkungen des Reisens gehört. Wer will freiwillig noch länger auf diese – durch nichts zu ersetzende – Möglichkeit der Verständigung und Annäherung verzichten?

Doch neben den hehren kosmopolitischen Gründen für das Reisen in die Ferne gibt es noch ganz pragmatische: Erholung und Regeneration. Sicher kann man sich auch auf dem Bauernhof um die Ecke erholen. Aber manchmal, und vielleicht auch gerade jetzt nach zwei Jahren Corona, angesichts der vielfältigen Sorgen und Nöte, die uns derzeit plagen und der Angst, was Herbst und Winter bringen mögen, braucht es einfach auch mal den ganz großen Befreiungsschlag vom Alltag. Und der gelingt in der Ferne oft einfach besser als in der Nähe, wo Job, Familie und andere Routinen leicht ihr Schlupfloch finden.

Der ursprüngliche Sinn und Zweck des Reisens, nämlich die Annäherung an das Fremde und die Wiederherstellung der Arbeitskraft, sind in den Jahren vor der Pandemie weitgehend in Vergessenheit geraten. Dieser Sommer bietet die Chance, sich wieder darauf zu besinnen. Denn die Zustände an den Bahnhöfen und Flughäfen, die hohen Energiepreise, der Klimawandel, all dies belegt, dass eine Rückkehr zum Massen- und Overtourismus weder wünschenswert ist noch funktioniert. Aber ein sorgfältig geplanter, längerer Urlaub kann ein Gewinn sein, nicht nur für den Reisenden, sondern auch für die Umwelt und das Klima. Denn um sich über die Gefahren bewusst zu werden, die der Klimawandel gerade auch für exotische Gebiete, für kleine Inseln und arme Länder bedeutet, hilft eigene Anschauung oft viel mehr als abstrakte Gradzahlen und Statistiken.

Wer nur noch zu Hause sitzt, wer sich kein Bild mehr macht von der Welt, wer nicht mehr reist, wer nichts erfährt, der kann auch dem Klimaschutz nicht helfen. Reisen motiviert, rüttelt auf und, ja, es bildet. Das ist zwar abgedroschen, aber deshalb noch lange nicht falsch.