Leitartikel

Das Private wird politisch

Armin Käfer

Stuttgart Putins Krieg und dessen Folgen erzwingen eine Welle von Offenbarungen. Es geht um banal anmutende Bekenntnisse deutscher Politiker, die sich zuletzt gehäuft haben. „Nein, ich dusche keine fünf Minuten“, beteuert Vizekanzler Robert Habeck, um wie ein Musterschüler beim Gassparen dazustehen. Und seine Parteifreundin, Brandenburgs Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher, versichert: „Vollbäder sind bei uns komplett aus der Mode.“

Solche Auskünfte zum höchstpersönlichen Hygieneverhalten sind natürlich nicht bloß Versatzstücke für Homestorys, sondern politische Statements in Zeiten, da der Energieverbrauch unmittelbar das Bruttosozialprodukt beeinträchtigt. Die Politik hat immer schon ins Privatleben ihrer Bürgerinnen und Bürger hineinregiert. Deren private Entscheidungen beeinflussen umgekehrt die Politik. Wo Veränderungen unumgänglich sind, wird die Politik notgedrungen privat, das Private zwangsläufig politisch. Das betrifft nicht nur das Duschen, sondern auch andere vermeintlich individuelle Fragen: was wir essen, wie wir sprechen, wen wir lieben, womit wir tagtäglich zur Arbeit fahren oder wie wir in Urlaub verreisen.

Dieser Gedanke erinnert an einen alten Spontispruch aus den aufrührerischen Zeiten von 1968: „Das Private ist politisch.“ Er wird der amerikanischen Radikalfeministin Carol Hanisch zugeschrieben. Claudia Roth, grünes Urgewächs und inzwischen oberste Repräsentantin staatlicher Kulturpolitik, hat deren Anspruch dialektisch vom Kopf auf die Füße gestellt: „Das Politische ist privat“ lautet der Titel eines ihrer Bücher.

Beide Parolen sind Kehrseiten der gleichen Medaille. Sie umschreiben ein Dilemma, in das wir auf Schritt und Tritt hineinstolpern. Ob es nun um den Klimawandel, um nachhaltige Mobilität, um ressourcenschonenden Konsum oder umweltverträgliches Heizen, das Zusammenleben unter den Bedingungen einer Pandemie oder in einer zunehmend diverseren Gesellschaft geht: Heutzutage hat jegliche private Entscheidung immer auch eine politische Dimension. Und die Politik kann nicht umhin, auf privates Verhalten Einfluss zu nehmen.

Fährt Ihr Auto mit Sprit oder elektrisch? Fahren Sie überhaupt noch Auto oder nutzen Sie die Bahn? Verzichten Sie auf Flüge zum reinen Vergnügen? Essen Sie noch Fleisch? Kommt Ihr Strom aus Ökoquellen oder bloß aus der Steckdose? Achten Sie beim Einkaufen auf Biosiegel oder das Etikett „Fair Trade“? Alle diese Fragen zielen mitten ins Privatleben. Eigentlich gehen sie niemanden etwas an – sie beeinflussen aber sehr wohl die Bedingungen, unter denen wir alle zu leben haben. Insofern sind sie von öffentlichem Interesse – und damit auch politisch.

Gewiss, als Einzelpersonen können wir den Klimawandel nicht aufhalten, Hungerkrisennicht verhindern, keinen Frieden schaffen und keine Kriege stoppen, die Welt nicht retten. Aber jede und jeder kann höchstpersönlich dazu beitragen, dass weniger Plastikschnipsel im Meer versinken, weniger Müll entsteht, weniger Kohlendioxid die Atmosphäre aufheizt – oder auch verhindern, dass nur durch fahrlässiges Verhalten Viren weitergetragen werden. Erst recht entscheiden wir individuell, wie wir mit Krisen, Notlagen und neuen Herausforderungen umgehen – oder miteinander, mit Fremden, mit Minderheiten.

Für die Rahmenbedingungen ist die Politik zuständig. Sie erlässt Gesetze, aber sie trifft ihre Entscheidungen nicht in einem Vakuum. Auch das Wahlverhalten ist letzten Endes ja sowohl privat als auch politisch. Insofern stimmt eben doch: Das Private wird politisch – und die Politik privat.