Leitartikel

Das Publikum wendet sich ab

Christian Gottschalk

Stuttgart Der Mensch hat die Fähigkeit, sich an so ziemlich alles zu gewöhnen. Das ist auch gut so, um nicht im täglichen Sumpf des Elends zu ertrinken. Egal ob körperliche Schmerzen oder seelische Pein, was zu Beginn eine unüberwindbare Katastrophe schien, verliert mit fortschreitender Zeit doch recht häufig an Wucht und Dramatik. Und in der Regel rücken dann schnell andere Dinge in den Mittelpunkt des Interesses. Das gilt für persönliche Schicksalsschläge dem Grunde nach ebenso wie für das Weltgeschehen. Dass in Syrien nun schon im elften Jahr gebombt wird, dass im Jemen seit vielen Jahren Menschen zu Tausenden sterben – das ist in der öffentlichen Wahrnehmung sehr oft nur noch eine Randnotiz.

Denn im Mittelpunkt des Interesses steht zumeist das, was außergewöhnlich ist. Nicht die Tatsache, dass wieder einmal Tausende von Naturfreunden im schattenspendenden Wald ein schönes Wochenende erlebt haben, sondern dass dieser Wald in Flammen steht. In Syrien, im Jemen und in vielen anderen Teilen der Welt steht nicht nur der Wald in Flammen. Doch das Elend ist dort schon so lange so groß, dass die Berichte in den Nachrichten nach hinten rutschen – von grauenerregenden Exzessen und Jahrestagen einmal abgesehen. Das Außergewöhnliche ist nicht mehr so außergewöhnlich. Das Interesse des Publikums schwindet, die Einschaltquoten sinken, die Redaktionen versuchen, neue Interesse zu befriedigen. Auch das Nachrichtengeschäft ist von Angebot und Nachfrage geprägt.

Dieser Abnutzungseffekt, diese Gewöhnung ist langsam, aber sicher auch beim Thema Ukraine zu spüren, dort also, wo der Krieg nicht auf anderen Kontinenten tobt. Das führt zu einer paradoxen Situation. Natürlich gibt es noch engagierte Helfer, die Flüchtlingen aus der Ukraine zur Seite stehen, natürlich gibt es noch hochmotivierte Künstler, die mit Aktionen auf das Elend in unserer europäischen Nachbarschaft aufmerksam machen. Und es gibt auch noch eine erkleckliche Anzahl von Menschen, die empfänglich sind für dieses Thema. Aber es gibt inzwischen eben auch das Gegenteil.

Da sind Nachrichtensendungen, die ganz ohne Meldungen von dem Geschehen zwischen Lviv und Donezk auskommen. Die über Auswirkungen des russischen Angriffs nur noch berichten, wenn er die warmen Wohnstuben hierzulande gefährdet, aber nicht mehr über die grenzenlose Zerstörung in der Ukraine selbst. Und es gibt Menschen, die zunehmend genervt reagieren über das, was da im Osten geschieht. Die Aufmerksamkeitsspannen haben sich in einer vom hektischen Online-Treiben geprägten Welt verkürzt. Inzwischen dauert der Krieg fast ein halbes Jahr. Lange genug, denken wohl nicht wenige, jetzt müsse aber auch mal Schluss sein.

Es wird sich vermutlich nicht verhindern lassen, dass der Ukraine ein ähnliches Aufmerksamkeitsschicksal droht, das auch schon andere Kriegsgebiete erfahren haben. Wer spricht heute noch über Afghanistan? Gut ist dort noch lange nichts. Vom Hunger in Afrika ganz zu schweigen. Was aber nicht passieren darf, ist, darüber Ursache und Wirkung zu verwechseln. Die eigene Nebenkostenabrechnung steigt nicht so gewaltig, weil sich ukrainische Soldaten gegen einen unbarmherzigen Angreifer wehren. Die Butterpreise klettern nicht, weil die Menschen zwischen Odessa und Charkiw für ihre Freiheit kämpfen. Daran immer wieder zu erinnern wird eine der wichtigsten Aufgaben, die seriöse Medien in der Zukunft zu bewältigen haben. Sich daran erinnern zu lassen ist die noch wichtigere Aufgabe all jener, denen die Welt nicht völlig egal ist.