Leitartikel

Ein Erfolg, aber kein Sieg

Dieter Fuchs

Der Jubel in den USA über die Tötung des Terroristenführers Aiman al-Sawahiri ist aus psychologischen und politischen Gründen verständlich. Schließlich ist er mitverantwortlich für den folgenreichsten Terroranschlag der Geschichte. 3000 Menschen wurden am 11. September 2001 auf amerikanischen Boden ermordet, eine der schwersten Demütigungen der USA seit ihrem Bestehen. Zwei Kriege, in Afghanistan und im Irak, sowie die Preisgabe demokratischer Grundwerte waren die Folge. Der Tod Osama bin Ladens und Aiman al-Sawahiris war ein legitimes Ziel amerikanischer Politik. Die Behauptung des ehemaligen Präsidenten Barack Obama, die Nachricht seines Todes sei ein Beweis dafür, „dass man Terrorismus ausrotten kann“, ist allerdings nicht mehr als politische Lyrik. Solange es Machtpolitik gibt, wird es Terrorismus geben. Nur sein Gesicht verändert sich.

Aiman al-Sawahiri hat als Nummer 2 hinter Osama bin Laden maßgeblich das Terrornetzwerk Al-Kaida aufgebaut und geführt. Nach der Tötung bin Ladens 2011 durch die USA stieg al-Sawahiri zum Chef auf. Allerdings hatte Al-Kaida schon da viel von seiner Bedeutung verloren. Das Prinzip einer zentralen, hierarchisch geführten Terrororganisation hatte unter dem Druck einer intensiven globalen Terrorbekämpfung deutlich an Schlagkraft verloren. Lokal agierende Terrorgruppen und Einzeltäter, die aus ideologischen Gründen das Label Al-Kaida nutzen, waren an dessen Stelle gerückt und sind bis heute aktiv, ähnlich wie die Aktivisten des „Islamischen Staats“. Die Tötung al-Sawahiris wird diesen Prozess beschleunigen und nutzt vor allem US-Präsident Joe Biden vor den anstehenden Wahlen am 1. November.

Zweifellos belegt sein Tod die Schlagkraft der internationalen Terrorbekämpfung. Auf allen Ebenen – Luftüberwachung, klassische Spionage und nicht zuletzt digitale Überwachung – wurde der Handlungsspielraum international agierender Terroristen eingeschränkt. Die sinkende Zahl von Terroranschlägen in den vergangenen Jahren hat allerdings noch einen anderen Grund. Man überlässt die einschlägigen Keimzellen islamistischen Terrors weitgehend sich selbst – Afghanistan, Irak, Saudi-Arabien, Pakistan, Ägypten, die Philippinen, Syrien, Jordanien, Jemen, Westafrika – wohin man blickt: Der Westen, allen voran die USA, haben sich aus den internen Konflikten im islamischen Krisenbogen weitgehend zurückgezogen. Man beschränkt sich auf minimalinvasive Terrorbekämpfung. Und selbst die wirft dunkle Schatten. Wir haben uns lediglich daran gewöhnt, Feinde ohne Kriegserklärung einfach umzubringen, statt vor Gericht zu stellen.

Nachhaltig ist das alles nicht. Der Hauptunterschied: Den Blutzoll zahlen in den regionalen Kriegen und Bürgerkriegen, unter den unmenschlichen Unterdrückungsregimen des islamischen Krisenbogens, die Menschen vor Ort. Diese Brandherde haben jederzeit das Potenzial, international auszuwachsen und Terror in andere Länder zu tragen. Die Lösung liegt, theoretisch, auf der Hand: Internationale Anstrengungen zur Befriedung von Verteilungskämpfen und Machtfragen mit Blick vor allem auf die knapper werdenden Ressourcen, kulturell sensibles Eintreten für Demokratisierungsprozesse, eine mit Macht vertretene Menschenrechtspolitik. Die Klimafrage, die Bodenverteilung, die Umweltzerstörung und der Energiehunger – all das sind Quellen vieler Konflikte. Doch in der momentanen geopolitischen Lage ist es illusorisch, auf neue Initiativen zu hoffen. Zu viele andere schwerwiegende Probleme der mächtigen Staaten verstellen den Blick darauf. Die Geißel des Terrorismus wird zurückkommen.