Leitartikel“

Für den Winter gerüstet?

Bernhard Walker

Und sie handelt doch, die Ampel. Für den Moment jedenfalls lässt sie ihren Streit über die Laufzeit der Kernkraftwerkeoder Hartz-IV-Zahlungen hinter sich und bereitet sich in puncto Corona auf den Herbst vor. Das macht sie pünktlich – das Infektionsschutzgesetz wird beizeiten verlängert – und in der Sache durchaus gelungen.

Dabei ist der letzte Halbsatz zugegeben etwas gewagt. Um zu wissen, welche Schutzmaßnahmen künftig nötig sind, müsste man ja einschätzen können, wie sich die Coronalage weiter entwickelt. Und genau das kann heute niemand vorhersagen. Möglicherweise tritt eine Virusvariante auf, die so ansteckend wie Omikron ist und zugleich so schwere Krankheitsverläufe wie einst Delta nach sich zieht. Denkbar ist aber auch, dass es halbwegs glimpflich abgeht, weil sehr viele Bürger inzwischen geimpft oder genesen sind – das Virus also nicht mehr auf eine weitgehend schutzlose Bevölkerung trifft.

In dieser Ungewissheit mussten ausgerechnet die beiden Widersacher im Kabinett, „Mister Freiheit“, also Justizminister Marco Buschmann, und „Mister Vorsicht“ in Gestalt von Gesundheitsminister Karl Lauterbach eine Einigung darüber finden, was es ab Oktober seitens des Bundes und der Länder an Schutzmaßnahmen geben soll. Es ging also darum, einen Ausgleich zwischen den Bürgerrechten und Infektionsschutz zu verabreden. Der liegt nun vor, wobei sich die beiden die Sprachbilder der Winterreifen und der Schneeketten haben einfallen lassen.

Das sind natürlich PR-Floskeln, die aber in diesem Fall anschaulich sind. Ab Oktober zieht die ganze Republik die Winterreifen auf – wenn nötig, können die Länder Schneeketten draufpacken. Berlin strebt also ein abgestuftes, am aktuellen Risiko ausgelegtes System an, das eines jedoch nicht mehr erlaubt: den Lockdown mit Ausgangssperren und Betriebsschließungen. Ist das vernünftig? Stand heute: ja. Selbst Lauterbach rechnet nicht mehr mit einer „Killervariante“, wie er es noch im April tat, und sieht das Land weitaus besser vorbereitet als im Herbst 2021. Das stimmt auch – und sei es nur, weil es wohl ab September genauere Daten zur aktuellenCovid-19-Lage in den Krankenhäusern gibt. Nur heißt das nicht, dass jetzt eitel Sonnenschein herrschte.

Denn zwölf Millionen Bürger, die die erste Boosterimpfung haben könnten, sind nur zweimal immunisiert. Viel gravierender noch: Mehr als die Hälfte der Menschen, die in einem Pflegeheim lebt, hat die zweite Auffrischungsimpfung noch nicht bekommen. Eine große Gruppe also, die besonders gefährdet ist, ist nicht ausreichend geschützt.

Bestimmt warten viele auf die neuen, speziell auf Omikron angepassten Vakzine. Ihre Zulassung ist für den 9. September avisiert. Allerdings weiß eben niemand verlässlich, wann genau diese Impfstoffe bereitstehen werden. Zudem muss man vermuten, dass dann ein Ansturm auf die neuen Vakzineeinsetzt. Also müssen Bund und Länder jetzt schon die Vorbereitungen treffen, damit sich die unschöne Lage vom Frühjahr 2021 mit der mühseligen Terminsuche nicht wiederholt. Gerade viele Ältere, die keinen Internetzugang haben oder mit digitalen Verfahren nicht vertraut sind, haben diese Wochen in sehr schlechter Erinnerung.

Auch sollten Bund und Länder einen Appell starten, damit jetzt und nicht erst im Herbst die Impflücke kleiner wird. Ob er auf taube Ohren trifft? Möglich. Viele winken inzwischen beim Thema Corona ja müde ab. Aber immerhin hat sich die Ampel zusammengerauft – und damit die Grundlage dafür geschaffen, dass das Vertrauen der Bürger ins politische Handeln und das rot-grün-gelbe Pandemiemanagement vielleicht wächst.