Leitartikel 

Der Kampf der Supermächte

Christian Gottschalk

Der Sänger Herbert Grönemeyer hat sich der Frage, wann ein Mann eigentlich ein Mann ist, mit pointierter Vielschichtigkeit genähert. Das war im Jahr 1984. Die Diskussion darüber, wann eine Supermacht eigentlich eine Supermachtist, erfordert mindestens eine so facettenreiche Antwort und wird unter Politikwissenschaftlern schon länger debattiert. Die Diskussion dauert noch weiter an. Bei allen Feinheiten der Definition besteht allerdings Einigkeit darüber, dass Supermächte den globalen Lauf der Dinge nicht nur beeinflussen, sondern bestimmen können. Im Großen wie im Kleinen.

Im Internet gibt es Algorithmen, die untersuchen, welche Worte im Zusammenhang mit dem Wort Supermacht fallen. Besonders häufig sind das USA, Russland und China. Drei Staaten, die machen können, was sie wollen – und dabei weitgehend ungestraft bleiben. Menschen umbringen, die dem Land nach Ansicht der eigenen Regierung gefährlich werden, gehört dazu – auch wenn es im Detail deutliche Unterschiede gibt. Die USA benutzen feinste Technik, um per Fernbedienung auf afghanischen Balkonen hinzurichten, Russland schickt dafür gedungene Killer mit Fahrrad und Pistolen in den Berliner Tiergarten. Was China innerhalb der eigenen Grenzen und hinter hohen Mauern genau mit muslimischen Uiguren macht, ist alles andere als transparent – und alles andere als menschenfreundlich.

Noch bedeutender ist, wie die Supermächte im Großen ihre Claims abstecken. Die USA haben dem unabhängigen Kuba einst seine Grenzen aufgezeigt und sind in ihrem sogenannten Hinterhof Zentralamerika sehr aktiv, wenn es darum geht, die eigenen Interessen durchzusetzen. Nach dem Wegfall des Warschauer Pakts versucht Russland nun mit deutlich rüderen und todbringenderen Mitteln, den eigenen Einflussbereich auszubauen. China lässt nicht nur mit Blick auf Taiwan keinen Zweifel daran, wie es seine Grenzen interpretiert.

Rückblickend betrachtet ist das Zusammenleben der Supermächte über Jahrzehnte eine ziemlich beherrschbare Situation gewesen. Während des Kalten Kriegs waren die Mechanismen zwischen den USA und Russland eingespielt, danach gab es über lange Zeit niemanden, der Amerika Konkurrenz machte. Inzwischen hat sich die Lage fundamental geändert. Russland feiert eine militärische Auferstehung, China will nicht nur als Wirtschaftssupermacht wahrgenommen werden. Beide zusammen sind sich wenigstens darin einig, dass sie Washington nicht alleine bestimmen lassen wollen, wie die Welt zu funktionieren hat.

Die Situation ist unübersichtlich. Die Spielregeln der Welt werden gerade neu austariert. Das kann Jahre oder Jahrzehnte dauern, wie das Ergebnis aussehen wird, ist völlig offen. Der in den letzten Jahrzehnten gereifte Grundkonsens, dass globale Zusammenarbeit und weltweiter Zusammenhalt elementarer Bestandteil für ein sicheres und gedeihliches Zusammenleben sind, gerät dabei immer mehr aus dem Fokus. Die Supermächte ziehen ihre eigenen Grenzlinien und reagieren hypersensibel, wenn sie sich innerhalb davon bedroht fühlen.

Noch ist die Frage nicht endgültig entschieden, ob sich die neue Ordnung der Welt durch Zusammenarbeit oder durch Konfrontation erreichen lässt, auch wenn die Zeichen klar auf Konkurrenz stehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies am Ende dazu führt, dass es überwiegend Verlierer geben wird, ist groß. Vor allem China und die USA zu einer konstruktiven Zusammenarbeit zu bewegen kann daher entscheidend für den Fortbestand des Planeten sein.