Was treibt die Welt

Raus aus der Komfortzone!

Im Herbst 1986 lauschte ich in Heidelberg einem Vortrag über den drohenden Klimawandel. Die Schreckensszenarien, die der Redner heraufbeschwor, fand ich als junge Studentin äußerst beunruhigend. Damals war von den Veränderungen kaum etwas zu spüren, und die wenigsten Menschen setzten sich mit dem Thema auseinander. Nun schreiben wir das Jahr 2022 und erleben eine Hitzephase, die als heißester Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnung Rekorde schreiben könnte. Niemand kann behaupten, dass dies überraschend kommt. Wir haben Jahrzehnte Zeit gehabt, um gegenzusteuern, doch es ist nicht viel passiert. Der Mensch ist von Natur aus träge und hat es gern gemütlich. Deswegen wählt er auch lieber Politiker, die ihm das Leben angenehm machen.

Nun schwören uns ebendiese Politiker auf einen ungemütlichen Herbst ein. Doch mit Maßnahmen wie dem 9-Euro-Ticket und Tankrabatten gaukeln sie uns vor, dass die Probleme vorübergehender Natur sind. Die Gasprobleme mögen langfristig zu lösen sein, die Klimakrise bleibt – und sie wird immer schlimmer werden. In diesen Tagen erscheint das Buch „Hothouse Earth“ des britischen Klimatologen Bill McGuire, der behauptet, dass sich der Klimawandel viel schneller vollzieht als prognostiziert, und längst nicht mehr zu stoppen ist. Vor diesem Hintergrund sind radikale Maßnahmen von Klimaaktivisten mehr als verständlich. Hier kämpfen junge Menschen um eine Zukunft, um die wir alle sie betrügen.

Skandalös ist unser Umgang mit Wasser. Wir spülen unsere Toiletten mit Trinkwasser, und vielen Menschen scheint gar nicht bewusst zu sein, wie kostbar Wasser ist. Vor Kurzem beobachtete ich im Freibad eine Besucherin, die auf den Duschknopf drückte und dann zerstreut davon spazierte. Das Wasser lief ins Leere. Ein solch nachlässiger Umgang mit einer wertvollen Ressource macht mich fassungslos. Warum nutzen wir die Energiekrise nicht als Chance für eine radikale Verhaltensumstellung? Warum appelliert die Politik nicht an ein ressourcenschonendes Verhalten im Allgemeinen, nicht nur beim Gas? Wann ringt sie sich endlich zum Tempolimit durch? Warum hat man die Milliarden für das 9-Euro-Ticket nicht in eine Verbesserung der Infrastruktur der Bahn gesteckt? Und nun erhöhen die Verkehrsbetriebe ihre Preise!

Nicht nur die sowieso regenarme Region Stuttgart wird in den nächsten Jahren massive Probleme bekommen. Angesichts dessen sind radikale Maßnahmen nötig. Man könnte beispielsweise die Duschzeit in öffentlichen Bädern begrenzen, indem man jedem Badegast einen Chip gibt. Es gibt sicher unzählige weitere Ideen, wenn wir erst mal bereit sind, unsere Komfortzone zu verlassen. Hier sind Städte und Gemeinden gefragt.

Wenn wir weiterhin so leben, als gäbe es kein Morgen, dann wird dieses Morgen weitaus ungemütlicher ausfallen als alle ungemütlichen Maßnahmen jetzt.