Glosse

Nix geht gschwind!

Jan Sellner

Der Mensch häuft unablässig Wissen an. Auch solches, dass nutzlos ist, sich als „unnützes Wissen“ jedoch wie geschnitten Brot verkauft. Apropos Brot: Wussten Sie, dass 96 Prozent der Menschen, die sich ein Erdnussbutter-Marmelade-Sandwich machen, als erstes die Erdnussbutter aufs Brot schmieren. Vermutlich nicht, und das will man auch gar nicht wissen. Ganz abgesehen davon, dass das Erdnuss-Marmelade-Sandwich bei uns kaum verbreitet ist, man dafür aber mit größtem Vergnügen Weckle mit Brombeergsälz bestreicht – wobei die Frage ist, ob mit oder ohne Butter. „Der Butter“ wohlgemerkt!

Wenn schon unnütze Statistiken, dann bitte solche, die näher dran sind an Land und Leuten. Zum Beispiel könnte man mal fragen, wie oft ein Schwabe am Tag das Wörtle „gschwind“ benutzt? Ein zweistelliges Ergebnis würde nicht verwundern. Schon deshalb nicht, weil „gschwind“ praktisch in jeder Lebenslage verwendet wird – angefangen damit, dass man samstagmorgens gschwind zum Bäcker geht, um beim Frühstück sein Gsälzweckle genießen zu können. Es gibt also durchaus Gründe, um sich an dieser Stelle gschwind mit „gschwind“ zu beschäftigen – natürlich nur, wenn Sie, liebe Leserin, lieber Leser, gschwind Zeit zum Zeitunglesen haben.

Allerdings ist „gschwind“ – wie der Schwabe insgesamt – nicht so leicht zu entschlüsseln. Trotzdem wollen wir es gschwind versuchen und beginnen mit dem Satz: „I trag Dir’s Kaffeegschirr gschwind hälfa naus (samt Gsälzhäfele).“ Er stellt einen erlesenen Ausdruck schwäbischer Höflichkeit dar. Anders verhält es sich mit der Aufforderung: „Komm, helf mir mol gschwind!“ Hier haben wir es mit einem hälinga versteckten schwäbischen Imperativ zu tun. Die Steigerung davon ist: „Wart amol gschwind!“ Der bayerische Kabarettist Willy Astor hat diesem schwäbischen Paradoxon sogar ein Lied gewidmet. Seine Übersetzung für „Wart amol gschwind“ lautet treffend: ,Bleib gefälligst stehen, aber beeil dich dabei!‘“

Und das ist nicht das einzige Beispiel für den künstlerischen Umgang mit „gschwind“. Unser Musikkritiker Thomas Staiber weist darauf hin, dass der aus Hessen stammende Jazzer Albert Mangelsdorff einst ein Stück namens „Wart gschwind!“ geschrieben hat, angelehnt an eine Unterhaltung seiner schwäbischen Jazz-Kollegen Eberhard Weber und Wolfgang Dauner. Und noch in einem anderen Sinne sagt der Schwabe gerne „gschwind“: Das Allzweckwörtchen dient dazu, einen Zustand der Verlegenheit zu artikulieren. Etwa wenn behauptet wird: „Ich hab nur gschwind, was erledigt.“ „Gschwind“ ist also nicht nur „kurz“, sondern eine längere Geschichte.

Das hat auch ein viel zu früh verstorbener Kenner des Schwäbischen, Thomas Baumann, weise erkannt. „Nix geht gschwind!“, pflegte er zu sagen. Die Dinge brauchen ihre Zeit. Mit anderen Worten: „Machet’s gschwind in Ruhe!“ Oder wie der Schwabe klassisch sagt: „No net hudla!“

In Stuttgart ist das seit eh und je gelebte Praxis. So schnell, wie die einen „gschwind“ sagen, sind die anderen nämlich meistens nicht. Wer zum Beispiel seinen Reisepass gschwind in einem Bürgerbüro verlängern will, wird feststellen, dass „gschwind“ eine halbe Ewigkeit bedeuten kann. Auch sonst gilt: Nix geht geschwind in der Landeshauptstadt! Keine Opernsanierung, kein Rosensteintunnel, kein Stuttgart 21! Leider.

Auf der anderen, der persönlichen Seite, kann man von Glück sagen und auch dankbar sein, wenn nicht alles gschwind erledigt und vorüber ist: der Sommer, die Zeit mit Familien und Freunden – überhaupt das Leben. Denn es kann leider auch ganz anders laufen. Ein guter Moment, gschwind innezuhalten.