Kommentar

Das Theater der VfB-Träume

Carlos Ubina

Der VfB Stuttgart benötigt nur noch ein Unentschieden, dann kann er einen großen Schritt vollziehen – in der ewigen Tabelle der Fußball-Bundesliga. 2732 Punkte hat der Traditionsverein von 1893 in seinen bislang 55 Jahren im Oberhaus gesammelt. Der Hamburger SV hat in der gleichen Dauer einen Zähler mehr. Nun kann sich der VfB am Zweitligisten vorbei auf den vierten Platz schieben. Nur noch der FC Bayern, Borussia Dortmund und Werder Bremen stehen vor ihm.

Doch hier handelt es sich nur um eine virtuelle Rangliste. In der Realität ist es kaum noch vorstellbar, dass die Stuttgarter nach Abschluss der am Sonntag für sie gegen RB Leipzig beginnenden Saison auf den vierten Platz kommen. Zumindest wäre das eine Sensation gemessen an den sportlichen und finanziellen Möglichkeiten des Clubs.

Das Saisonziel lautet selbst im dritten Jahr nach dem Wiederaufstieg Klassenverbleib. Alles andere bleibt zweitrangig und wäre vermessen. Denn stellt sich kein sportlicher Erfolg ein, ist alles andere nichts. Diese Erfahrung hat der VfB nicht zuletzt in der vergangenen Saison machen müssen, als er sich erst in der Nachspielzeit des letzten Ligaspiels rettete. Ein emotionaler Höhepunkt war das, als Abschluss eines von Tiefpunkten geprägten Jahres.

Dieses Ausnahmeerlebnis hat die Fans dennoch euphorisiert und den Club von der Mercedesstraße zusammengeschweißt. Ein neuer Geist, der von Geschlossenheit geprägt ist, soll daraus erwachsen. Aber mit der Stimmung hebt sich nicht zwangsläufig die Qualität des Kaders, jedenfalls nicht auf Dauer. Der VfB-Trainer Pellegrino Matarazzo verfügt nach wie vor über ein junges Team, dem viel zugetraut werden kann. Das wäre dann das Bild der jungen Wilden, die über die Bundesligafelder stürmen.

Doch es gibt auch das Szenario, in dem die Mannschaft wieder in die Wirren des Abstiegskampfes gerät. Mit all dem Druck, der sich damit aufbaut. Diesem standzuhalten braucht innere Stärke. Einerseits. Andererseits benötigt der VfB ebenso mehr Geld, um den Teufelskreis zu durchbrechen. Zur Wirklichkeit gehört allerdings, dass der VfB schon länger nicht mehr zu den Großen der Liga zählt. Das zeigen allein die Jahresumsätze. Der Krösus aus München hat sich auf knapp 650 Millionen Euro gesteigert, der BVB weist etwa die Hälfte davon aus, und der VfB bringt es gerade mal auf 130 Millionen Euro.

Nicht zuletzt deshalb ergibt sich eine Liga der Langeweile, mit dem FC Bayern als Serienmeister. Der VfB läuft hinterher und verbindet nun mit dem Stadionumbau die Hoffnung, die finanzielle Lücke ein wenig zu schließen. Mehr Vermarktungsmöglichkeiten bietet die künftige Arena, weshalb die teure Baustelle aktuell als Theater der VfB-Träume betrachtet werden kann.