Leitartikel 

Verrohung des Diskurses

Reiner Ruf

Der Tod der Ärztin Lisa-Maria Kellermayrin Österreich vor einer Woche wirft ein grelles Licht auf die Verrohung des öffentlichen Diskurses – eine Entwicklung, die weltweit stattfindet. Gespeist wird sie aus zwei Quellen: von oben von machtgetriebenen Gestalten wie Donald Trump (der seinerseits nur die größte Sumpfblüte eines großen, dunklen Milieus darstellt), Jair Bolsonaro in Brasilien oder in Europa von Rechtspopulisten vom Schlage Viktor Orbans oder Matteo Salvinis. Von unten recken sich erstaunlich zahlreiche kranke Seelen ins Licht, die engagierte Menschen wie die Ärztin Kellermayr terrorisieren bis hin zur Todesdrohung – allein deshalb, weil diese Frau Corona ernst nahm.

Die Angriffe auf die Integrität der Ärztin beschränkten sich aber nicht auf die digitale Welt. Der von ihr privat (!) engagierte Sicherheitsdienst nahm falschen Patienten Butterfly-Messer ab. Die Bedrohung war real und endete in einem mutmaßlichen Suizid aus Verzweiflung. Dass die österreichische Polizei Kellermayr als geltungssüchtig verunglimpfte und auch die ärztliche Standesorganisation die Frau loswerden wollte, bestätigt den Eindruck, den der Alpenstaat schon lange weckt: unter der Sahnehaube modert ein „radikalisierter Konservativismus“, wie ihn die Publizistin Natascha Strobl beschrieben hat. Sie hat sich nach üblen Bedrohungen aus Twitter verabschiedet.

Im Digitalen vermag die gereizte Seele ähnlich zu agieren wie im Straßenverkehr. Dort lässt sich im Schutz des Wageninneren leicht schimpfen, hupen oder dicht auffahren. Im Zweifel gibt der Rüpel im Biedermann-Gewand Gas – und weg ist er. Die Gefahr im Netz beginnt dort, wo Demagogen bereitstehen, die Unzufriedenen aufzusammeln und aufzuhetzen. Die Dirigenten der Wut zielen auf die Zerstörung der Demokratie. Bedenklich erscheint vollends, wenn sich etablierte Medien den Regeln des digitalen Geschreis unterwerfen. Der „Spiegel“ etwa ergeht sich in obsessiven Katastrophenpanoramen, jeder Pups wird zum Knall. Dem rechtsnationalen polnischen Vizeaußenminister Szymon Szynkowski vel Sek werden Invektiven gegen die Bundesregierung unbesehen abgekauft, nur weil sich damit in Berlin viel Wind durch die Regierungsgassen blasen lässt.

Die alte Bundesrepublik in ihrer Spätphase war geprägt von Diskursideal, die auf die von Jürgen Habermas postulierte Kraft des besseren Arguments zielte. Stimmt schon: solche Ansprüche lassen sich leicht unterbieten. Doch sie weisen den Weg. Davon hat der Streit über den Ukraine-Krieg nicht viel übrig gelassen. Wenn etwa der als „grüner Vordenker“ apostrophierte Ralf Fücksjene Menschen, die für Verhandlungen mit Russland eintreten, als „Unterwerfungspazifisten“ beschimpft, dann beendet er jede Kommunikation. Man kann die Haltung der Verhandlungsfreunde mit guten Gründen für naiv oder dumm halten. Aber ein Sprachverhalten wie das von Fücks zielt nicht auf Verständigung. Da sucht jemand die Wirtshausschlägerei. Auch im akademischen Milieu ist ein unduldsamer, nicht immer informierter Hypermoralismus erkennbar. Hochemotionalen Forderungen nach einem Totalboykott russischer Rohstofflieferungen folgen jetzt Preisschock und betretene Gesichter.

Doch bei aller Verhärtung: Noch weisen die Wahlergebnisse in Deutschland auf einen von Vernunft getragenen demokratischen Konsens hin. Die meisten Menschen führen ihr Leben abseits der digitalen Blasen. Je lebendiger und sozial integrativer ein Gemeinwesen ist, desto stärker ist der Schutz vor Verwahrlosung. Es gibt Heilmittel gegen die Brutalisierung der Gemüter.