Leitartikel

Herbst des Missvergnügens

Armin Käfer

Stuttgart Spaßige Zeiten sind das nicht: Die Inflation nagt am Ersparten– sofern solches überhaupt vorhanden. Der Sommer der 9-Euro-Ausflüge und des rabattierten Autofahrens ist vorbei. Demnächst beginnt die Heizperiode, von der viele nicht wissen, ob sie sich solchen Luxus überhaupt noch leisten können. Und ob die Viren, die uns seit fast drei Jahren plagen, wirklich schon eingehegt sind, wagen auch Leute nicht zu hoffen, die nicht ganz so alarmistisch veranlagt sind wie der Bundesseuchenminister.

Ein derartiges Sammelsurium an schlechten Nachrichten trübt die Gemüter wie Novembernebel. Noch kann keiner beurteilen, ob die Luftbuchungen auf dem Beipackzettel des milliardenschweren Hilfspakets, mit dem die Bundesregierung Entlastung von all den Beschwernissen verspricht, am Ende wirklich den eigenen Geldbeutel schonen – oder nicht aus der anderen Tasche beglichen werden müssen. Bei solchen Aussichten verwundert es nicht, dass Optimismus schneller verdunstet als die spärlichen Pfützen eines tröpfelnden Sommerregens.

Das Stimmungsbarometer ist auf ein Allzeittief gefallen, das besagen jedenfalls die Befunde der Demoskopen aus Allensbach für den aktuellen BaWü-Check: ein Spiegelbild der politischen Befindlichkeiten im Land. Seit die Meinungsforscher dem Volk den Puls fühlen, war die Lage noch nie so miserabel. Zwei von drei Befragten blicken sorgenvoll in die Zukunft. Die Zahl derer, die für sich persönlich nicht Gutes erwarten, ist größer denn je – ein Alarmsignal. Wir sehen einem Herbst des Missvergnügens entgegen. Und die Parteien, deren Rückhalt sich aus Unzufriedenheit speist, sind schon dabei, den Verdruss zu orchestrieren.

In Zeiten wie diesen verliert auch die sprichwörtliche schwäbische Hausfrau, von der gewesenen Kanzlerin Angela Merkel einst (bei einem Ausflug nach Stuttgart) zum Muster einer verantwortlichen Finanzpolitik erkoren, ihre Vorbildfunktion. In ihrer Heimat sind die finanziellen Verhältnisse nach überwiegendem Urteil noch stabil, doch das Zutrauen in ein solides Wirtschaften der Landesregierung hat in den letzten Jahren eklatant abgenommen. Nur eine Minderheit hält es für sinnvoll, jetzt noch mehr zu sparen. Viele rechnen aber mit Einschränkungen und wären bereit, auf manchen Komfort zu verzichten. Das Verständnis für Sparmaßnahmen schwindet allerdings, je mehr eigene Vergnügungen betroffen sein könnten: Festivitäten etwa oder der Saunaabend.

Den meisten erscheinen neue Schulden unumgänglich – das erleichtert Winfried Kretschmann und seiner Ministerriege das Geschäft. Deren Neigung, ungeachtet der trüben Perspektiven, den öffentlichen Personalapparat weiter aufzublähen, als gäbe es kein Morgen, findet allerdings wenig Verständnis. Und dies als Warnung: Die Skepsis ist in den Altersgruppen besonders groß, der die meisten Wähler angehören. Die Zufriedenheit mit den Kretschmännern und -frauen in der Landesregierung ist noch nicht ganz so schlecht wie die Stimmung allgemein, aber allenfalls mittelprächtig. In Schulnoten liest sich das für das komplette Kabinett wie ein miserables Abizeugnis.

Verdrossenheit und Zukunftsängste werden die Leute nicht gleich massenhaft veranlassen, zu den von Linken wie Rechten dem ursprünglichen Zweck entfremdeten Montagsdemonstrationen zu laufen oder Parolen der AfD und brauner Kumpanemitzugrölen. Noch sind die Aufmärsche der Unzufriedenen überschaubar. Die Anfälligkeit für Frustpropaganda könnte allerdings wachsen. Das ist eine Belastung für die Demokratie. Auch der (noch) wohlhabende Südwesten ist gegen Volkszorn nicht immun.