Leitartikel

Mehr Leid, mehr Propaganda

Christian Gottschalk

Stuttgart. Länger als ein halbes Jahr hat Wladimir Putin seinem Volk erklärt, dass all die Panzer, die in der Ukraine zerschossen werden, all die jungen Männer, die in Särgen nach Russland zurückkommen, all das Leid, welches Familien in beiden Ländern zugefügt worden ist, nichts mit einem Krieg zutun habe. Wer den von Russland angezettelten Angriff auf den Nachbarn als Krieg bezeichnet hat, der bekam die ganze Härte des Staates zu spüren. Gesünder für das eigene Lebensglück ist es, die militärische Spezialoperation mit einem „z“ auf dem T-Shirt zu bewerben. Der Buchstabe wird als Synonym der Zustimmung genutzt.

Eigentlich braucht es jetzt zwischen Kaliningrad und Wladiwostock nicht viel Weitsicht, um zu erkennen, dass irgendwas nicht stimmt an der Geschichte, wie sie der Kreml bisher erzählt hat. 300 000 Reservisten sollen sich bereit machen – das ist eine ziemlich beachtliche Anzahl für eine Spezialoperation. Natürlich ist der Aufruf zu den Waffen ein Zeichen dafür, dass es nicht so läuft, wie sich der Kreml das vorgestellt hat. Natürlich ist es ein Zeichen von Schwäche. Es ist aber auch ein Indiz dafür, dass Moskau weit von einem Richtungswechsel entfernt ist. Russland ist derzeit dabei, den Krieg zu verlieren – das bedeutet aber nicht, dass ihn jemand anderes gewinnt.

Die Hoffnung, der Menschenverstand werde in Russland nun zu einem Aufschrei der Empörung führen, der Kreml werde für seine Lügenmärchen zur Rechenschaft gezogen und die Vernunft werde endlich die Oberhand gewinnen – sie wird wohl eine Hoffnung bleiben. Die Gefahr besteht, dass eher das Gegenteil davon geschieht. Früher hieß es einmal, dass Schlachten in der Schule gewonnen werden, heute muss die These mit der dauerhaften Propaganda in den Medien ergänzt werden. Wladimir Putin hat den Russen dort seit Langem erklärt, dass sich die Welt gegen Russland verschworen habe. Nun gehe es darum, das Vaterland zu schützen. Und weil der Kremlchef ein gewiefter Taktiker ist, werden die Grenzen des Landes flugs ausgedehnt. Das kann verfangen.

In sogenannten Referenden sollen die Bewohner in Donezk, Luhansk und Cherson in wenigen Tagen den Beitritt zu Russland beschließen. Daran, dass dieses Ergebnis am Ende verkündet wird, besteht kein Zweifel. Daran, dass kaum ein Land die Abstimmung anerkennen wird, auch nicht. Aber das ist Putin egal. Dem eigenen Volk kann er den Wunsch der Menschen in den besetzten Gebieten als Tatsache verkaufen, die Landkarten können in Windeseile neu gestaltet werden – und mit einem Mal lassen sich in den Abendnachrichten Bilder präsentieren, die belegen, wie die mit westlichen Waffen aufgepäppelte Ukraine auf russischem Boden steht. Putin verteidigt dann die Heimat – zur Not mit allen Mitteln.

Wie weit Russland bei dieser Verteidigung gehen wird, ob chemische Waffen oder gar taktische Atomwaffen eine Option sein werden, das ist derzeit völlig offen. Es gibt zu viele unbekannte Variablen. Als gesichert kann hingegen gelten, dass sich auch in Moskau die Entscheider nicht einig sind, auch wenn die Details hinter den Fassaden des Kremls verborgen bleiben. Es gibt Hardliner, die den Präsidenten schon seit Wochen drängen, den Einsatz in der Ukraine zu erhöhen, und es gibt Stimmen, die eben davor warnen. Berichte darüber machen die Runde, dass sich die Generäle untereinander über die militärischen Ziele und deren Verwirklichung streiten – und dass Zweifel an den Befehlen des Kremlchefs bestehen. Die Hoffnung, ein interner Aufruhr könne dem Spuk ein Ende bereiten, ist aber auch hier mehr Wunsch denn realistische Möglichkeit.