Leitartikel

Ein Tag auch der Entrüstung

Jan Sellner

Es herrscht kein Mangel an schweren Tagen in diesem Jahr 2022. Jetzt am Sonntag folgt mit dem Volkstrauertag ein Tag, dem auch offiziell jede Leichtigkeit fehlt. Es ist ein sogenannter stiller Tag des Gedenkens. Und obwohl es Jahre gab, in denen die Gedenkstunden des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge nicht die Aufmerksamkeit hatten, die sich der Verband erhofft, bleibt es ein wichtiger, ein unverzichtbarer Tag.

Sein Inhalt ist ja auch in keiner Weise verstaubt, sondern im Gegenteil auf beklemmende Weise aktuell. Gedacht wird der Gefallenen der beiden Weltkriege und der von den Nazis Ermordeten. Darüber hinaus allen Opfern von Krieg und Gewalt bis in die Gegenwart hinein – und damit auch den mit Krieg überzogenen Menschen in der Ukraine und den Verfolgten im Iran. Insofern enthält dieser Tag eine globale, immerwährende Mahnung.

Der Volkstrauertag hat zugleich einen sehr persönlichen Charakter. Kein Ort in Deutschland, egal wie klein, und kein Ort in anderen europäischen Ländern, in dem nicht eine Gedenktafel oder ein Gedenkstein mit den Namen der toten Weltkriegssoldaten stehen würde. Hinter jedem Name verbirgt sich eine eigene – häufig sehr kurze – Lebensgeschichte, die im Wahnsinn des Krieges endete. Jeder Name steht auch für die Trauer von Angehörigen, für pure Verzweiflung, die etwa der Malermeister aus Gerlingen empfand, als er die Nachricht erhielt, dass sein einziger Sohn in Russland gefallen war. Rasend vor Schmerz lief er mit einem Beil in der Hand durch den Ort und schrie: „Des Hitlerle schlag i tot!“

Was wäre gewesen wenn? Was, wenn die Millionen Weltkriegssoldaten nicht gefallen wären und die Soldaten heute nicht fallen würden? In allen diesen vernichteten Leben und abgerissenen Biografien reiften Pläne heran und wurde Träumen nachgehangen. Der Volkstrauertag ist daher immer auch ein Tag der Empörung und der Entrüstung über die Kriegstreiberei und über diejenigen, die dieses Geschäft betreiben. Man wünschte sich, Kriegsherr Putin müsste der Reihe nach all jenen in die Augen blicken, die er mit seiner Entscheidung für den Angriffskrieg gegen die Ukraine in den Tod geschickt oder sie an Leib und Seele versehrt hat. Auch in die Augen ihrer Eltern, Partner, Geschwister und Freunde. Imagine! Stell dir vor!

Der Angriffskrieg auf die Ukraine bedeutet auch für den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge einen tiefen Einschnitt. Zwar helfen seine Mitglieder weiterhin bei der Pflege der vielen Kriegsgräberstätten in Russland. Unter dem Eindruck des Angriffskrieges stellt der Verein jedoch ernüchtert fest: „Nach fast 30 Jahre guter Zusammenarbeit liegt die Versöhnungsarbeit in Scherben.“ Ein bitterer Befund. Dennoch darf diese Arbeit nicht aufgegeben werden.

Der erste deutsche Bundespräsident, Theodor Heuss, hat beim Volkstrauertag vor 70 Jahren treffende Worte gefunden. Vertreter mehrerer Religionsgemeinschaften werden sie an diesem Sonntag in Stuttgart wiederholen, was man nicht oft genug tun kann, weil diese Worte nicht im Gestern verharren, sondern nach vorne gerichtet sind. Sie beginnen mit: „Wir gedenken . . .“ Und sie schließen mit dem Satz: „Aber unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern, und unserer Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der ganzen Welt.“ Eine starke Botschaft. Sie enthält den Kern dessen, worum es am Volkstrauertag geht. Wenn sie durchdringt und gehört wird, werden leichtere Tage folgen. So aussichtslos das gerade auch scheint.