Kommentar

Gratwanderung bei Corona

Schutzmaske, Abstand, Homeoffice, Reisebeschränkungen: Nach wie vor zwingt das Coronavirus den Menschen viele Änderungen im sozialen und wirtschaftlichen Leben auf, die noch vor wenigen Monaten undenkbar erschienen. Inzwischen werden die Sehnsucht wie auch der finanzielle Druck, endlich wieder zur Normalität zurückzukehren, immer größer. Doch nun zeigen lokale Ausbrüche in Hochhäusern sowie insbesondere in dem Großschlachtbetrieb bei Gütersloh, wie fragil die Lage nach wie vor auch in Deutschland ist. Nachdenklich stimmt vor allem, dass sich das Virus offenbar längere Zeit unter den Mitarbeitern der Schlachtfabrik unerkannt ausbreiten konnte. So stellt sich die Frage, wie sicher die bisherigen Erkennungs- und Meldewege sind. Eine große Gefahr bleibt auch die nach wie vor rapide Ausbreitung des Erregers in vielen Ländern der Welt – nicht zuletzt, weil sich das Virus dabei so verändern könnte, dass es aggressiver wird.

Angesichts der vergleichsweise geringen Zahl an Neuinfektionen in Deutschland war es gut und richtig, dass es in den vergangenen Wochen zunehmend Lockerungen gab. Und es war auch nicht viel dagegen einzuwenden, dass dabei regionale Aspekte eine wichtige Rolle spielten – also die Bundesländer je nach Lage andere Entscheidungen getroffen haben. Nach dem heftigen Ausbruch bei Gütersloh müssen nun aber die nächsten Tage und Woche zeigen, ob dieses Konzept wirklich tragfähig ist. Dies wird wesentlich davon abhängen, wie gut sich die Lockdown-Maßnahmen vor Ort und die Reisebeschränkungen durchsetzen und überwachen lassen. Dass nun manche Länder Reisende aus der Region Gütersloh nicht mehr bei sich aufnehmen wollen oder in Quarantäne stecken, ist so verständlich wie sinnvoll. Das Beispiel Tirol hat ja gezeigt, wie schnell ein lokaler Corona-Herd über weite Strecken streuen kann. Und wie gefährlich die Lage bei Gütersloh ist, zeigt die Reaktion des für Lockerungen eigentlich sehr empfänglichen nordrhein-westfälischen CDU-Ministerpräsidenten Armin Laschet: Er spricht jetzt von einem „enormen Pandemierisiko“.

Was aber bedeutet das alles für die Strategien in den nächsten Monaten? Auch wenn es abgedroschen klingen mag, so ist doch Vorsicht nach wie vor das Gebot der Stunde. Das fällt allerdings immer mehr Menschen zunehmend schwer, weil sie sich weitgehend in Sicherheit wähnen. Zudem beginnen die schlimmen Bilder von überfüllten Krankenhäusern mit todkranken Patienten auf den Fluren, etwa in Norditalien oder New York, zu verblassen. Es sind aber gerade die zahlreichen Vorsichtsmaßnahmen, die auch in den nächsten Monaten wesentlich dazu beitragen müssen, dass die medizinische Lage unter Kontrolle bleibt. Das zu vermitteln fällt indes immer schwerer, weil hier das häufig zitierte Vorsorgeparadoxon greift: Eben weil so massive Einschnitte ergriffen wurden und diese – wenn auch zunehmend abgeschwächt – immer noch gelten, ist Deutschland recht gut durch die Krise gekommen. Nicht umsonst gilt es weltweit als Vorbild bei der Corona-Bekämpfung.

So bleibt auch in Zukunft nur eine Gratwanderung zwischen Vorsorge und Lockerung. Hoffnungsfroh stimmt dabei, wie massiv weltweit an der Entwicklung von Impfstoffen gegen das Coronavirus gearbeitet wird. So wurde bereits mit den klinischen Tests von möglichen Seren begonnen. Früher hätte das Jahre gedauert. Bis jedoch ein Impfstoff zur Verfügung steht, gilt es, wachsam zu bleiben und mit Beschränkungen zu leben – auch wenn sie wie jetzt in Gütersloh für die Menschen sehr frustrierend sind. Sollte es aber zu einer weiteren Infektionswelle kommen, wären menschliches Leid und wirtschaftlicher Schaden immens. Daher sollte alles getan werden, um eben dies zu vermeiden.

Von Klaus Zintz