Leitartikel

Leben mit dem Virus

Ist das jetzt die zweite Welle – oder doch nicht? Darüber ist in den letzten Tagen viel debattiert worden. Doch Diskussionen über Begriffe helfen in der Sache nicht weiter. Fakt ist, dass die Zahl der Corona-Infizierten zuletzt auch in Deutschland wieder gestiegen ist. Weltweit befinden wir uns ohnehin noch mitten in der ersten Welle. In vielen Regionen nimmt die Zahl der Neuerkrankungen und der mit Corona verbundenen Todesfälle immer noch zu.

Im Vergleich dazu ist Deutschland in einer fast schon beneidenswerten Position. Genau deshalb fällt es hierzulande vielen Menschen schwer, das Risiko einer Infektion ernst zu nehmen. Und die Gefahr scheint derzeit auf den ersten Blick nicht sehr groß. In der gesamten Bundesrepublik gibt es nur gut 7000 Personen, die aktuell erkrankt sind und andere anstecken könnten. Die allermeisten können in ihrem Bekanntenkreis niemanden nennen, der infolge einer Corona-Infektion gravierende gesundheitliche Probleme hatte oder gar ums Leben gekommen ist.

Solange die große Mehrheit nicht einmal indirekt betroffen ist, bleibt das Risiko einer Corona-Erkrankung abstrakt. Da gibt es durchaus Parallelen zum Klimawandel, auch wenn dessen Auswirkungen immer deutlicher werden. Der Blick in andere Länder lehrt, dass die Zahl der Corona-Infektionen und Todesfälle schnell wieder exponentiell steigen kann, wenn Schutzmaßnahmen nicht ausreichen oder zu früh zurückgenommen werden.

Solange das Virus in Ländern wie den USA oder Brasilien fast ungebremst wütet, kann sich auch Deutschland nicht in Sicherheit wiegen. Menschen, die aus solchen Gebieten einreisen, stellen hierzulande das derzeit wohl größte Risiko dar. Die Einführung verpflichtender Tests für diese Gruppe ist daher richtig – selbst wenn die Überwachung lückenhaft bleibt. Auch die Maskenpflicht in bestimmten Bereichen und eine Begrenzung der Personenzahl bei größeren Zusammenkünften sind nach wie vor sinnvoll. Darüber herrscht unter den hiesigen Politikern zum Glück weitgehende Einigkeit.

Doch der Staat kann trotz seiner neu gewonnenen Stärke nicht alles richten. Ein vernünftiger Umgang mit dem Virus kann nur gelingen, wenn möglichst viele Bürger mitmachen. Genau das erfordert aber, bei den Schutz- und Überwachungsmaßnahmen Maß zu halten und immer auch mögliche negative Auswirkungen im Auge zu behalten. Letzteres kam angesichts des kollektiven Corona-Schocks zunächst zu kurz. Wenn plötzlich ein neuer, unbekannter Erreger auftaucht, müssen schnell Entscheidungen getroffen werden. Da bleibt wenig Zeit zur Abwägung zwischen den Gesundheitsgefahren auf der einen und den sozialen oder ökonomischen Risiken auf der anderen Seite.

Jedes einzelne Menschenleben gilt in modernen Wohlstandsgesellschaften, in denen existenzielle Gefahren weitgehend eliminiert worden sind, als unendlich wertvoll. Das ist gegenüber Zeiten, in denen der Tod allgegenwärtig war, ein Fortschritt. Zugleich ist klar, dass keine Gesellschaft einen unendlich großen Aufwand betreiben kann, um jedes Leben zu retten. Das wird mit dem Fortschreiten der Corona-Pandemie immer deutlicher. Staat und Bürger kommen nicht umhin, den Schutz von Leben in Relation zu anderen wichtigen Zielen zu setzen. Anders gesagt: Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben, und dabei ein gewisses Restrisiko in Kauf nehmen. Anders wird es nicht gehen, wenn die große Mehrheit mitziehen soll. Das ist auch wichtig im Hinblick auf den hoffentlich bald erhältlichen Impfstoff. Ohne eine breite Akzeptanz für die Corona-Politik könnten zu viele einen Bogen um die Impfung machen – und damit die möglichst schnelle Rückkehr zu so etwas wie Normalität gefährden.

Von Werner Ludwig