Leitartikel

Azubis haben Chance verdient

Viele Unternehmen kämpfen ums Überleben. Sparprogramme sind an der Tagesordnung. Auch wenn die Zahl der Kurzarbeiter inzwischen langsam sinkt – immer noch 37 Prozent aller Unternehmen setzen derzeit auf Lohnersatz. Erstmals seit Jahren ist die Zahl der Arbeitslosen gestiegen. Nachrichten wie diese haben in den vergangenen Wochen und Monaten die Menschen verunsichert und Existenzängste ausgelöst. Auch wenn es mittlerweile positive Signale gibt, die Wirtschaft läuft nach dem wochenlangen Lockdown noch lange nicht im Normalmodus. Handel, Gastronomie, Tourismus , Autoindustrie und Maschinenbau ächzen unter den Folgen der Corona-Pandemie.

Im vergangenen Jahr hatten die Unternehmen noch ganz andere Probleme. Händeringend suchten sie Auszubildende, der Fachkräftemangel bremse die Wachstumschancen der Unternehmen, klagten die Betriebe. In diesem Jahr schrecken diese Zahlen auf: Gut 16 Prozent weniger Ausbildungsverträge haben die Industrie- und Handelskammern in Baden-Württemberg abgeschlossen. Beim Handwerk im Südwesten sieht es zwar besser aus, aber auch hier liegen die Zahlen noch recht deutlich unter Vorjahr.

Es ist ja auch nachvollziehbar: Welches Unternehmen will schon junge Menschen einstellen, wenn die Ausbildung wegen Kurzarbeit schwierig ist und im Herbst weitere Corona-Beschränkungen nicht auszuschließen sind? Wie geht es mit der Gastronomie weiter, wenn die Biergartensaison endet? Wie sind die Aussichten für die exportorientierte Industrie – allen voran Maschinenbau und Autoindustrie –, wenn in wichtigen Abnehmerländern wie den USA, Frankreich oder Spanien das Virus wütet? Wer keine Aufträge hat, denkt nur am Rande an neue Azubis.

Eine solche Sichtweise ist dennoch zu kurz gegriffen. Zum einen, weil hoffentlich bald ein Impfstoff gegen das Virus gefunden wird. Zum anderen, weil sich der demografische Wandel nicht aufhalten lässt. Schon in den Jahren 2022 und 2023 könnte der nächste Fachkräfteengpass drohen, sagen Experten voraus. Deutschland braucht Qualifizierte. Nur dann können die anstehende Transformation und Digitalisierung, die durch das Virus eine neue Dynamik erhalten haben, gemeistert werden. Bei konjunktureller Schönwetterlage ist den Unternehmen dieser Zusammenhang bewusst. Deshalb wurden in den vergangenen Jahren junge Menschen händeringend gesucht. Doch derzeit steht die Liquidität im Fokus; in vielen Unternehmen wird mit spitzem Bleistift gerechnet.

Hinzu kommt: So dynamisch wie jetzt war die Lage lange nicht mehr. Haben die Menschen tatsächlich ihre Liebe zum Elektroauto entdeckt? Oder profitiert der Stromer nur von den zeitlich begrenzten Zuschüssen? Das ist derzeit unklar. Nicht vom Erfolg des E-Autos hängt hingegen ab, welche Qualifikationen in Zukunft gebraucht werden. Die Berufsbilder des Mechatronikers und Industriemechanikers sind Beispiele. Vor Kurzem noch Engpassberufe, fahren die Unternehmen ihr Engagement zurück; bei ersten Firmen kann man die Berufe gar nicht mehr erlernen.

Auch wenn die Unsicherheit groß ist: Corona darf keine verlorenen Generationen hervorbringen . Das gilt für dieses Jahr, aber auch für das nächste, wenn die Situation am Ausbildungsmarkt möglicherweise noch angespannter ist. Azubis brauchen eine Chance. Die Betriebe sollten sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sein. Sich von der Ausbildung zu verabschieden, wie das einige Unternehmen getan haben, ist der falsche Weg. Die Politik sollte die Firmen unterstützen und im Falle Corona-bedingter Probleme einen Teil der Azubi-Kosten übernehmen – und das nicht nur bei ganz kleinen Betrieben.

Von Inge Nowak