Der feine Unterschied

Bei denen piept’s wohl

Das Widersprüchliche an Stadtbewohnern ist ja, dass sie Ruhe und Entspannung herbeisehnen, obwohl sie mittendrin leben wollen. Mittendrin im Lärm der vielen anderen, mittendrin in den Abgaswolken aus röhrenden Auspuffrohren. Also leidet der Stadtbewohner unentwegt an sich selbst und seinen dauerrenovierenden Nachbarn und dem nie versiegenden Verkehr und den wummernden Partybässen und den wuchernden Baustellen – und sucht deshalb in dieser coronösen Zeit nach kalmierenden Tätigkeiten, nach stillen Plätzen möglichst unter freiem Himmel. Wegziehen? Kommt nicht in Frage.

Oft sind es Bäume, die eine beruhigende Wirkung auf nervöse Menschen haben. Stuttgart hat davon reichlich, was für ein Glück. Die Landeshauptstadt zählt nämlich so viele Parks wie kaum eine andere Stadt in Deutschland. Und nirgendwo kämpfen manche Bürger so erbittert um ihre Bäume wie in Stuttgart, was man vor zehn Jahren sehen konnte, als der Kampf um Stuttgart 21 eskalierte und der Schlossgarten gewaltsam von der Polizei geräumt wurde.

Auf der Karlshöhe, am Marienplatz oder auf dem Hoppenlaufriedhof: Schöne alte Bäume stehen nicht nur im Schlossgarten und helfen den Angespannten und Genervten mit ihren schützenden Kronen beim Runterkommen, auch dann noch, wenn andere Städter dieselbe Idee hatten und ein klein bisschen stören. Das gilt auch für den Eugensplatz mit seinem prächtigen Galateabrunnen, wo man an einem Spätsommerabend mit einem Eis ein Plätzchen unter einem Baum finden und in den Kessel hinabblickend seinen trüben Gedanken nachhängen kann, dabei den klackernden Boccia-Kugeln zweier Freunde lauschen, die mit geschickten Würfen einem winzigen Kügelchen nahekommen wollen.

Das Allerbeste an einem Baum sind seine Teilzeit-Bewohner: die Vögel. Auch wenn man einen Star nicht von einer Amsel unterscheiden kann, so ist man doch entzückt von dem Geflatter und Geträller. Der passionierte Vogelbeobachter Arnulf Conradi hat in seinem Buch „Zen und die Kunst der Vogelbeobachtung“ beschrieben, wie das intensive Begucken von Piepmätzen einen mindestens so locker macht wie eine Runde Yoga mit Baldrian. „Die Meditation strebt nach nichts, sie steht für sich und genügt sich selbst“, schreibt Arnulf Conradi. „Auch die Vogelbeobachtung ist selbstgenügsam, sie ruht in sich, es geht nicht darum, etwas zu erreichen. Es geht darum, etwas zu sein.“

Diese angenehm narkotisierende Wirkung hat sich herumgesprochen. In Berlin, wo sonst, fing alles vor Jahren an, als sich nach Feierabend Vogelbeobachter zum „After Work Birding“ im Tiergarten trafen. In Stuttgart versammelt gelegentlich ein fachkundiger Mensch vom Naturschutzbund Hobby-Ornithologen um sich und schaut im Rosensteinpark ins Geäst, ob es den frechen Gelbkopfamazonen noch gut geht. Es existieren aber Verständigungsprobleme zwischen den alten und neuen Vogelkundlern: die altmodischen sind an der Artenvielfalt interessiert, sie bestimmen anhand der Brustflecken einer Ringdrossel, ob es sich um ein Männchen oder ein Weibchen handelt. Dem Hipster unter den Vogelguckern sind Geschlechtszuordnungen herzlich egal, um nicht zusagen: verdächtig. Für ihn ist die Stadtnatur nur so eine Art Lavalampe, die er selig lächelnd anstarrt, bis er wegdämmert. Je bunter die Flattermänner, desto besser.

Besonders beruhigend wird es, wenn man sich spontan eine Meditationseinheit mit den Vögeln gönnt und bei einem Baum in der Nähe des Kernerplatzes ein Ruheplätzchen sucht. Man genügt sich selbst, zumindest solange, bis ein Laubbläser auftaucht. Der zirpt fast so angenehm in den Ohren wie ein Laubsänger.

Von Tomo Pavlovic