Leitartikel

Ein Flug ins Ungewisse

Die Sommerferien sind vorbei, bald stehen die Herbstferien an, und dann sind es nur noch wenige Wochen bis zu den Weihnachtsferien. Das ist eigentlich eine Zeit, in der die Menschen Urlaubspläne machen und in der sich die Beschäftigten der Touristikbranche vor Arbeit kaum retten können. Auch die Lufthansa, Europas größte Fluggesellschaft, hat schon vor Jahren das Potenzial erkannt, das in den Deutschen als Reiseweltmeistern steckt, und ihre Strategie stärker auf Feriengebiete ausgerichtet.

Doch dann kam Corona. Seit dem Ausbruch der Pandemie stecken die Branchen, die eigentlich für die schönsten Wochen des Jahres sorgen wollen, in einer tief greifenden Krise. Die Hoffnungen auf eine baldige Erholung, die Spitzenmanager wie Tui-Chef Friedrich Joussen oder der Lufthansa-Chefpilot Carsten Spohr noch Anfang Juni verbreiteten, sind dahin. Sie wurden von der zweiten Corona-Welle hinweggespült. Die Lufthansa verschärft daher ihr Sparprogramm , legt noch mehr Flugzeuge auch langfristig still und baut noch mehr Personal ab. Das wird nicht die einzige Hiobsbotschaft in der Branche bleiben. Sie ist kein deutsches Phänomen, und sie ist auch kein Zeichen von Misswirtschaft, denn die Pandemie verbreitet sich weltweit. Touristik und Luftfahrt werden davon global getroffen.

Wie aber sieht die Strategie aus, die aus dieser Krise führen könnte? Ein Patentrezept gibt es nicht. Auch wenn der immer vollmundige Chef des irischen Billigfliegers Ryanair , Michael O’Leary, vor allem die Politik in der Pflicht sieht, die endlich „verlässliche“ Rahmenbedingungen schaffen und die Kundschaft nicht durch Reisebeschränkungen und sonstige Auflagen erschrecken soll. Natürlich wäre es am besten, wenn das Virus einfach verschwinden würde, wie es US-Präsident Donald Trump einst vorhergesagt hatte. Schon ein zuverlässiger Impfstoff oder ein wirksames Medikament würden helfen, nicht nur der Luftfahrt und Touristik. Aber mit Wunschdenken lassen sich keine Konzerne führen.

Wo die Reise enden wird, ist offen. Lufthansa und die Konkurrenzen aus Europa, Asien oder Amerika können nur grobe Schätzungen abgeben – sie haben es in dieser Situation noch schwerer als ihre Kollegen in anderen Branchen. Wie nachhaltig wird der Einbruch der Geschäftsreisen sein? Werden überhaupt noch Geschäftspartner quer durch die Welt reisen, um persönlich zu verhandeln oder geht alles künftig über Teams und Zoom oder wie all die Videokonferenzsysteme heißen? Wann werden Urlauber wieder am Strand von Mallorca liegen, wann werden Skifahrer die Hänge herunterwedeln?

Die Lufthansa will gestärkt aus dieser Krise hervorgehen. Das kann sie aber nur, wenn sie heute schon weiß, welches Ziel sie ansteuert. Klar ist bisher nur, dass es länger dauern wird, bis sich eine „neue Normalität“ abzeichnet. Im Jahr 2025 soll es so weit sein, so lautet jetzt die Prognose für die Luftfahrt. Klar ist auch, dass die neue Lufthansa deutlich kleiner sein wird. Alles andere ist neben der wirtschaftlichen Entwicklung in Europa und auf globaler Ebene abhängig davon, wie sich die gesellschaftliche Debatte entwickelt. Möglicherweise haben sehr viele Menschen durch den erzwungenen Urlaub in Deutschland erkannt, dass diese Alternative gar nicht so schlecht ist. Möglicherweise gewinnt die Umweltdebatte vor diesem Hintergrund zusätzlich an Dynamik. Sind Billigflüge für zehn Euro wirklich nötig, weil das Shoppen in Bologna oder Madrid viel schöner ist als in Düsseldorf oder Stuttgart?

Das alles zeigt: Die Zukunft der Tourismus- und der Luftfahrtindustrie ist nicht alleine von den Konzernlenkern zu lösen – sie ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung.

Von Klaus Dieter Oehler