Leitartikel

Mehr Solidarität, bitte!

Die Jungen müssen sich jetzt mit den Alten solidarisch zeigen: Das wurde seit Beginn der Corona-Pandemie immer wieder gefordert. Junge Menschen sind statistisch gesehen weniger gefährdet, nach einer Corona-Infektion schlimm krank zu werden oder zu sterben. Übertragen können sie das Virus aber ebenso wie Ältere. Deshalb scheint der Appell in der Corona-Krise logisch: Die Jungen dürfen jetzt nicht nur an sich selbst denken. Um die Älteren zu schützen, müssen sie solidarisch sein.

In der Klimakrise verhält es sich genau andersherum. Die Jungen, die noch viele Jahrzehnte auf diesem Planeten leben müssen, sind auf die Solidarität der Älteren angewiesen. Es bleiben nur noch wenige Jahre, um die Erde vor einer Kata­strophe zu bewahren. Zeit, in der vor allem Angehörige der Babyboomer-Generation die maßgeblichen Entscheidungen in Politik und Wirtschaft fällen werden. Diese „Alten“ haben es in der Hand. Sie dürfen jetzt nicht nur an sich selbst – und an ihren Wohlstand – denken. Das gilt auch für Politiker, die nicht bloß auf die nächste Wahl schielen dürfen. Um die Jungen zu schützen, muss die ältere Generation solidarisch sein. Umso wichtiger ist es, dass die Aktivisten von Fridays for Future daran erinnern, wenn sie an diesem Freitag wieder zum Klimastreik aufrufen.

Innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit wurde auf der Erde gewaltiger Schaden angerichtet. Die industrielle Revolution markierte einen Wendepunkt. Die Menschen begannen, im großen Stil Kohle, Öl und Erdgas zu verbrennen. Seitdem steigt die Kurve der Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre rasant. So richtig zur Sache ging es erst in den letzten Jahrzehnten. In dieser Zeit ist die Kurve der Treibhausgaskonzentration fast zu einer Senkrechten geworden. Fast viermal so hoch wie noch in den 1950er Jahren ist der jährliche Anstieg der Kohlenstoffdioxid-Konzentration heute.

Wenn es die Entscheidungsträger nicht schaffen, diese Entwicklung innerhalb weniger Jahre zu stoppen, ist der Schaden unumkehrbar. Viele Auswirkungen des Klimawandels sind nicht linear. Werden bestimmte Kipppunkte erreicht, gibt es kein Zurück mehr. Modellrechnungen zeigen beispielsweise, dass bereits bei einer globalen Erderwärmung von zwei Grad Celsius – der Obergrenze laut Pariser Klimaabkommen – ein solcher Kipppunkt wahrscheinlich überschritten wird. In diesem Fall wird das gesamte Grönlandeis verschwinden. Die zeitlichen Dimensionen, um die es geht, sind nicht leicht zu erfassen. Selbst wenn die Klimaerwärmung gestoppt ist, wird der Meeresspiegel noch jahrhundertelang weiter ansteigen. Anpassungsmaßnahmen werden Milliarden verschlingen. „Die heutige Generation trägt hier Verantwortung für Jahrhunderte in die Zukunft“, schreiben die renommierten Klimaforscher Stefan Rahmstorf und Hans Joachim Schellnhuber zu Recht.

Jüngst hat die Regierung das größte Hilfspaket in der Geschichte der Bundesrepublik auf den Weg gebracht – um die Wirtschaft in der Pandemie zu stabilisieren. Allein die Schulden Baden-Württembergs werden um ein Drittel steigen. Zugleich wurden viele Grundsätze, die in Stein gemeißelt schienen, über Bord geworfen – sei es die Schuldenbremse oder das Mantra, dass der Markt schon alles regeln wird. Wenn sie wirklich will, kann die Regierung gewaltig ranklotzen.

Dasselbe ist nötig, um die drohende Klimakatastrophe abzuwenden. Stromerzeugung, Industrie, Verkehr, Gebäudewirtschaft, Agrarsektor müssen sich in wenigen Jahren radikal wandeln. Die Früchte dieses Umbaus liegen größtenteils in einer Zukunft, die die Babyboomer nicht mehr erleben werden. Trotzdem darauf hinzuarbeiten heißt, sich solidarisch zu zeigen.

Von Siri Warrlich