Leitartikel

Zetsche tut das Richtige

Es mag zunächst seltsam anmuten, wenn ausgerechnet der bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef Markus Söder ein Enddatum für den Verbrennungsmotor fordert . Schließlich macht seine Partei seit je Politik für das Auto. Doch Söder macht das einzig Richtige: Er liest die Zeichen der Zeit. Die Coronavirus-Pandemie hat die Transformation hin zur emissionsfreien Mobilität noch einmal enorm beschleunigt.

Die Autoindustrie hat viel Geld verloren. Die übrigen Mittel müssen nun mit aller Konsequenz in grüne, digitale Zukunftstechnologien gesteckt werden, zu denen der Verbrennungsmotor nicht zählt. Auch hat Kalifornien kürzlich – als einer der größten Absatzmärkte deutscher Autohersteller in den USA – ein Verbot des Verbrenners ab 2035 beschlossen. Es folgt damit einer Reihe europäischer Länder, darunter Frankreich. Hinzu kommen die Pläne der EU, die CO2-Ziele für Fahrzeugflotten zu verschärfen. Die Industrie muss jetzt zeigen, dass sie das Pariser Klimaschutzabkommen ernst nimmt.

Dieser klimapolitischen Dynamik sind nun auch Daimlers Pläne zum Opfer gefallen, Dieter Zetsche zum Aufsichtsratschef zu machen : Wegen der wachsenden Kritik an seiner Person hat der Ex-Konzernchef auf das Amt des Chefaufsehers verzichtet. Die Vorbehalte von Aktionären und Investoren gegen den 67-Jährigen speisen sich daraus, dass er eine Symbolfigur der Vergangenheit ist, der Ära des Verbrenners. Derlei Signale können sich Autobauer nicht mehr leisten.

13 Jahre lang stand „Dr. Z“ an der Spitze des Konzerns, 2019 übergab er den Chefposten des Autobauers an Ola Källenius. Zetsche hat für das Unternehmen enorm viel erreicht, als er den Autobauer aus einer abgeschlagenen Position wieder an die Spitze der deutschen Premiumhersteller geführt hat. Noch im Juli hatte der jetzige Aufsichtsratschef Manfred Bischoff betont, an Zetsche als Nachfolger festzuhalten. Doch da rumorte es schon unter Daimlers Aktionären. Die Kritik lautete, der 67-Jährige stehe für „das alte System bei Daimler“. Ihm fehle „eine Zukunftsvision“, hieß es etwa von Union Investment. Deka Investment warf dem Ex-Chef „Interessenkonflikte bei der Aufarbeitung der Vergangenheit“ vor, er stehe „für das nicht mehr zukunftsfähige Verbrenner-Zeitalter“.

Diese Kritik trifft den Kern der Probleme, vor denen Daimler heute steht. Ola Källenius muss vieles auf den Weg bringen, was unter Dieter Zetsche vernachlässigt wurde – allen voran den konsequenten Weg hin zur emissionsfreien Mobilität. Hinzu kommt die Dieselaffäre, die Daimler nach wie vor Milliarden kostet und deren Ursprung in der Ära Zetsche liegt. Es kommt nicht von ungefähr, dass Källenius auch bei der Konzernstrategie einen grundsätzlich anderen Kurs eingeschlagen hat. Hatte Zetsche auf eine breite Modellpalette mit verschiedenen Fahrzeugtypen gesetzt, schwört der Schwede auf „Marge über Menge“ und will die Angebotspalette verschlanken.

„Ich habe mich gefragt, ob ich wirklich dem Unternehmen einen Dienst tue. Und ob ich mir einen Gefallen tue, wenn ich diese Aufgabe jetzt übernehme“, erklärte Zetsche nun. Dass er zu dem Schluss gekommen ist, Daimler keinen Dienst zu tun, ist die richtige Entscheidung. In Daimlers schwieriger Situation geht es nicht mehr um die Person Dieter Zetsche. Es geht allein darum, den Autobauer erfolgreich in ein neues Zeitalter der Mobilität zu führen. Ohne den ungebrochenen Rückhalt der Aktionäre wäre Zetsche eine Belastung für Daimler. Weitere Baustellen kann sich der Autobauer nicht leisten.

Die Entscheidung ist Zetsche sicher schwergefallen. Aber mit seinem Verzicht hat er gezeigt, dass ihm Daimler und dessen Zukunft noch immer am Herzen liegt.

Von Yannik Buhl