Leitartikel

Respekt für den Unterschied

Ist der 3. Oktober wichtig? Spielt die Wiedervereinigung, die sich an diesem Samstag zum dreißigsten Mal jährt, eine Rolle in unserem Leben? In einer aktuellen Umfrage sagt die Hälfte der Befragten, dass der 3. Oktober als Gedenktag für sie keine besondere Bedeutung habe. Man kann das als zeittypische Geschichtsvergessenheit interpretieren. Man kann diese Umfragezahl aber auch als gutes Zeichen deuten. Und für diese Variante spricht einiges.

Die Wiedervereinigung ist dreißig Jahre nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik kein nervenaufreibendes Thema mehr. Seit 1990 gab es nie ernsthafte separatistische Tendenzen in Ostdeutschland, der Stolz auf die eigene Nation ist heute in beiden Teilen des Landes ähnlich stark ausgeprägt. Und den Nachbarn, egal ob Polen oder Franzosen, treibt das größer gewordene Deutschland keinen Angstschweiß mehr auf die Stirn, so wie noch im Jahr 1990.

Vielleicht hilft dieser Hinweis auf die außenpolitische Dimension der Wiedervereinigung, ihre Erfolge treffender zu würdigen, als das üblicherweise geschieht – nämlich durch ein intensives Ausleuchten der noch existierenden Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen. Bevor zum Wechsel auf den 3. Oktober 1990 die Feuerwerkskörper über dem Berliner Reichstagsgebäude aufstiegen, musste der damalige Kanzler Helmut Kohl tiefsitzende Sorgen in Warschau, London und Moskau überwinden: die Furcht war groß, das vereinigte Deutschland könne erneut eine Vormachtstellung in Europa anstreben.

Die Einheit brachte uns Deutschen zwar die außenpolitische Souveränität zurück. Aber wir waren klug genug, sie nicht für einen nationalistischen Alleingang zu nutzen, sondern sie einzubringen in wirtschaftliche, politische und militärische Bündnisse wie Europäische Union und Nato. Heute ist Deutschland ausschließlich von befreundeten Ländern umgeben. Das ist ein Erfolg, der angesichts schrecklichster Phasen deutscher Geschichte gar nicht hoch genug zu bewerten ist.

Diese Außenseite der Wiedervereinigung haben die Deutschen in Ost und West ziemlich ähnlich erlebt, für die Innenseite gilt dies nicht. Während das Leben im Westen weitestgehend in den alten Bahnen weiterlief, wurde es im Osten komplett umgekrempelt. Die politisch-psychologischen Nachwirkungen dieses Umbruchs sind bis heute zu spüren. Knapp sechzig Prozent der Ostdeutschen sind aktuell der Meinung, dass sie „wie Bürger zweiter Klasse behandelt“ werden.

Unbestreitbar gibt es Benachteiligungen des Ostens – bei Löhnen, Aufstiegschancen oder der Präsenz von Konzernzentralen. Doch dieselben Ostbürger sagen in übergroßer Mehrheit, dass die Wiedervereinigung für sie persönlich vorteilhaft war. Die Gefühlslage Ost ist also nicht eindimensional, sondern komplex.

Auch heute flackern periodisch Ost-West-Debatten auf. Sie haben aber an Schärfe verloren. Die großen gesellschaftlich-politischen Konfliktlinien verlaufen nicht entlang alter geografisch-politischer Grenzen. Wenn man genauer hinschaut, geht es oft schon gar nicht mehr um Wessi-Ossi-Unterschiede, sondern um regionale bis lokale Konkurrenzen: zum Beispiel um die Dominanz der prosperierenden großen Städte wie Leipzig oder Dresden im Vergleich zu ländlich geprägten Regionen. Das sind Konflikte, wie sie der Westen auch kennt, und Unterschiede, die auf Dauer bleiben werden.

Nationale Einheit kann nicht bedeuten, dass am Ende alles überall gleich ist. Die Deutschen waren noch nie und sind kein homogenes Volk. Sie werden es auch hoffentlich nie sein. Unterschiede, die es gibt, muss man nicht immer nur bejammern und einebnen wollen. Man darf sie auch manchmal respektvoll akzeptieren.

Von Rainer Pörtner