Leitartikel

Fluch und Segen im Homeoffice

Stuttgart Corona sei Dank. Die Pandemie hat die deutsche Arbeitswelt ins 21. Jahrhundert katapultiert. Was vorher größtes Misstrauen der Chefs auslöste, ist plötzlich kein Thema mehr: Nun setzen sich viele Arbeitnehmer daheim vor den Computer, statt sich durch den Berufsverkehr ins Büro zu quälen – womit, nebenbei bemerkt, auch noch das Klima geschont wird. Da bleibt Eltern sogar die Zeit, vergleichsweise stressfrei die Kinder von der Kita abzuholen. Entsprechend dankbar werden die neuen Freiheiten seit dem Virusausbruch angenommen.

Insofern greift Bundesarbeitsminister Hubertus Heil – einmal mehr ein treuer Verwirklicher gewerkschaftlicher Anliegen – einen wichtigen Gesellschaftstrend auf. Mobiles Arbeiten ist keine Modeerscheinung, sondern angesichts der Digitalisierung eine zwingende Notwendigkeit, wenn der Standort Deutschland weiterhin weltspitze sein soll. Das geplante Gesetz kann den Unternehmen eine Motivation sein, ihren Rückstand aufzuholen.

Schöne neue Arbeitswelt? Da beginnen schon die Bedenken. Denn ein Auto wird in der Fabrik zusammengeschraubt, Lebensmittel werden im Supermarkt gekauft, ein Patient wird in der Praxis behandelt. Ein großer Teil der Menschen ist auch künftig im Geschäft gefordert. Homeoffice ist eine Erleichterung für privilegierte Beschäftigte – für diverse Beamtengruppen zum Beispiel –, die ihre Arbeit am Computer erledigen können. So gesehen vertieft die Digitalisierung die Spaltung ganzer Belegschaften. Dies darf aber kein Grund sein, allen zu verweigern, was nur einem Teil möglich ist.

Das Gesetz ist ohnehin nur sinnvoll, wenn es hilft, Job und Familie unter einen Hut zu bekommen. Da sind die Erfahrungen vieler überaus zwiespältig. Eine Berufstätigkeit am Küchentisch, auf einem ungeeigneten Stuhl und inmitten von wuseligen Kindern – all dies ist weder erstrebenswert noch effektiv. Auch zeigt sich, dass Arbeit abseits des betrieblichen Geschehens die notwendige Kommunikation mit den Kollegen erschwert. Die hierzulande noch weithin praktizierte Anwesenheitskultur hat fraglos ihre Vorteile.

Und wer kennt das nicht, dass der Rechner praktisch von früh morgens bis spät abends läuft, weil Arbeit und Freizeit direkt ineinander übergehen? Die vorgeschriebenen Ruhephasen werden missachtet. Es gibt diverse Studien, wonach der Druck, es der Familie wie dem Vorgesetzten recht zu machen, den psychischen Stress verstärkt und so die Gesundheit beeinträchtigt. Gerade berufstätige Mütter leiden unter der Doppelrolle, doch die Väter zeigen sich in deren Handhabung nicht souveräner. Heil will der Entgrenzung von Arbeit entgegentreten, indem er den Arbeitgebern die Pflicht zur Arbeitszeiterfassung auferlegt. Wie dies für beide Seiten akzeptabel umgesetzt werden kann und wer dies alles kontrollieren soll, bleibt vorerst noch sein Geheimnis. Mit einer neuen App ist es da sicher nicht getan.

Ohnehin stellen sich diverse arbeitsrechtliche Fragen, die der Minister noch nicht beantwortet hat. Inwieweit zum Beispiel ist der Arbeitgeber verantwortlich für die Einhaltung der bisher im Betrieb geltenden Arbeits- und Datenschutzregeln? Da droht den Unternehmen ein enormer bürokratischer Aufwand – dies ausgerechnet in einer Phase, in der sie existenziellere Schwierigkeiten zu bewältigen haben als das Recht auf Homeoffice.

Es dürfte allerdings auch etliche Firmen geben, die im Trend zur Heimarbeit einen Weg der Kostensenkung sehen, weil sie auf kostspielige Büroflächen verzichten können. Dann wird die Belegschaft auf weniger Arbeitsplätze verteilt. Damit kann aus dem Anspruch praktisch immer öfter ein Zwang zur Heimarbeit werden. Dies dürfte keinem Beschäftigten gefallen, verhindern ließe es sich aber kaum noch.

Von Matthias Schiermeyer