Leitartikel

Reformprojekt Nobelpreis

Die Regeln, nach denen naturwissenschaftliche Nobelpreise vergeben werden, stehen schon länger in der Kritik – zu Recht. Denn das Auswahlverfahren ist in vielerlei Hinsicht nicht mehr ganz zeitgemäß. Die prämierten Entdeckungen liegen oft viele Jahrzehnte zurück, größere Teams, die heute die weltweite Forschungslandschaft prägen, können nicht ausgezeichnet werden, Wissenschaftler aus den traditionellen Industrieländern sind massiv überrepräsentiert, und die Zahl der weiblichen Nobelpreisträger liegt – im Laborjargon – nur knapp über der Nachweisgrenze.

Das letztgenannte Problem scheint die Nobel-Stiftung inzwischen erkannt zu haben. So haben in diesem Jahr gleich zwei Frauen den Chemie-Nobelpreis bekommen: Die mittlerweile in Deutschland forschende Französin Emmanuelle Charpentier und die Amerikanerin Jennifer Doudna. Es ist das erste Mal, dass sich zwei Frauen einen naturwissenschaftlichen Nobelpreis teilen. Auch in der Physik wurde dieses Jahr mit Andrea Ghez eine Frau für ihre Forschung über Schwarze Löcher ausgezeichnet. Bereits 2018 war der Physikpreis zur Hälfte an die Laserspezialistin Donna Strickland gegangen. Durch die Preisvergaben der Jahre 2018 und 2020 hat sich die Zahl der Physik-Preisträgerinnen seit 2018 glatt verdoppelt – wenn auch nur von zwei auf vier. Es bleibt also noch viel zu tun, bis sich der wachsende Beitrag von Frauen zum wissenschaftlichen Fortschritt auch gebührend in der Nobelpreis-Statistik niederschlagen wird.

Positiv aufgefallen ist in der jüngeren Vergangenheit auch die Tendenz der Nobel-Oberen, sich bei der Preisvergabe stärker an aktuellen Forschungsfragen zu orientieren. Dadurch wurden öfter vergleichsweise junge Forschende ausgezeichnet, die noch mittendrin im Wissenschaftsbetrieb stecken. Auch hierfür sind die diesjährigen Preise für Physik und Chemie ein gutes Beispiel – wiewohl in der Person von Roger Penrose auch ein 89-jähriger Preisträger darunter ist.

Wenig zeitgemäß ist dagegen nach wie vor die Beschränkung der naturwissenschaftlichen Preise auf die drei Disziplinen Medizin, Physik und Chemie. Nobelpreise für Forschungsgebiete wie Ökologie oder Künstliche Intelligenz, die für die Zukunft der Menschheit von zentraler Bedeutung sind, gibt es nicht. Immerhin war in den letzten Jahren auch hier eine größere Flexibilität zu beobachten. So wurden mehrfach biologische Grundlagenforscher mit dem Medizinnobelpreis ausgezeichnet. Und der Chemienobelpreis für die Entdeckung des Ozonlochs war eine ökologisch sehr relevante Auszeichnung.

Manchen Kritikern gehen die zaghaften Reformbemühungen der Nobel-Oberen indes nicht weit genug. Diese Art von Wissenschaftsfolklore im Zeichen der schwedischen Krone sei einfach nur antiquiert, argumentieren sie. Trotz alledem erfüllen die Nobelpreise nach wie vor eine wichtige Funktion. Sie verschaffen der Grundlagenforschung eine weltweit ­beachtete Bühne. In einer auf maximale Effizienz und schnellen wirtschaftlichen Erfolg getrimmten Welt hat diese Art von Wissenschaft keinen leichten Stand.

Dabei lehrt nicht nur der Blick auf die Nobelpreis-Statistik, dass viele epochale Entwicklungen nicht auf zielgerichtete Forschung, sondern auf zufällige Entdeckungen zurückgehen. Auch bei der Genschere Crispr/Cas war das zumindest anfangs der Fall. Oft wird die Bedeutung wissenschaftlicher Leistungen auch erst Jahrzehnte später klar. So hat Einsteins Relativitätstheorie heute durchaus praktische Anwendungen – etwa bei der zeitlichen Synchronisation von Telekommunikationssatelliten im Orbit und irdischen Empfangsstationen. Auch die Reform der Institution Nobelpreis braucht Zeit. Doch immerhin bewegt sich was.

Von Werner Ludwig