Leitartikel

Vorsicht zahlt sich aus

Stuttgart Fünfzig Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner in einer Woche. Von da an gilt eine Region als Corona-Risikogebiet wie nun auch der Landkreis Esslingen . Umgerechnet auf einen Tag sind das rund sieben Infizierte – nicht einmal einer auf 10 000 Einwohner. Keine Frage, die Schwelle, ab der Beherbergungsverbote, Obergrenzen für Veranstaltungen und weitere Einschränkungen drohen, liegt sehr niedrig. So niedrig, dass sich Corona-Skeptiker in ihrer Einschätzung bestätigt sehen könnten, die Politik bausche ein minimales Risiko unnötig auf, um die Leute zu gängeln. Doch dem ist nicht so.

Über Zahlen lässt sich trefflich streiten, wie schon die Debatte über die Grenzwerte für Luftschadstoffe gezeigt hat. Natürlich stellen sich auch mit Blick auf die Zahlen zur Corona-Pandemie berechtigte Fragen. Wie verlässlich sind die Tests? Ist anlassloses Testen sinnvoll? Wie transparent sind die offiziellen Statistiken? Es ist in der Tat nicht auszuschließen, dass bei den Neuinfektionen auch irrtümlich positive Ergebnisse mitgezählt werden – deren Anteil sehr klein, aber nicht exakt zu beziffern ist. Bedenkenswert ist auch der Vorschlag einiger Kritiker, nicht nur positive oder negative Testergebnisse auszuweisen, sondern auch anzugeben, wie oft das Virus-Erbgut im Labor vermehrt werden musste, bis es nachweisbar war. Das könnte Rückschlüsse auf die Virusmenge und damit auf die Infektiosität getesteter Personen ermöglichen – und vielleicht einigen Infizierten die Isolation ersparen.

Fakt ist auf jeden Fall, dass der Anteil positiver Tests zuletzt spürbar gestiegen ist. Unter der begründeten Annahme, dass sich die Genauigkeit der Tests nicht über Nacht verschlechtert hat, ist dieser Anstieg nur mit einem realen Zuwachs bei den Neuinfektionen zu erklären. In Frankreich und vielen anderen Ländern in- und außerhalb Europas geht es noch deutlich steiler nach oben. Dass die Zahl neuer Todesfälle in Verbindung mit Corona immer noch auf niedrigen Niveau liegt, ist zu einem guten Teil der Tatsache geschuldet, dass das Durchschnittsalter der Neuinfizierten derzeit um etliche Jahre niedriger liegt als etwa im Frühjahr. Wenn sich wieder mehr Ältere anstecken, könnten bald auch wieder mehr Menschen an oder mit dem Virus sterben.

Dass Deutschland bislang glimpflich durch die Krise gekommen ist, verleitet manche zu dem Schluss, dass das Coronavirus gar nicht so gefährlich sein kann, wie die besorgten Blicke der Gesundheitspolitiker nahelegen. Richtig ist: Wenn das Infektionsgeschehen für den Rest des Jahres halbwegs unter Kontrolle bleibt, dürfte es durch Corona hierzulande kaum mehr Tote geben als durch eine starke Grippewelle. Daraus sollte man aber nicht den in manchen Kreisen populären Trugschluss ziehen, eine Corona-Infektion sei nicht gefährlicher als eine heftige Grippe. Denn wenn Gegenmaßnahmen nur halbherzig oder zu spät ergriffen werden, kann es schnell ganz anders aussehen. Das lehrt etwa ein Blick in die USA, die bereits jetzt rund 220 000 Tote zu beklagen haben.

Es gibt gute Gründe, bereits bei einer verhältnismäßig niedrigen, aber steigenden Zahl von Neuinfektionen erste, vergleichsweise moderate Beschränkungen zu verfügen. So lässt sich das Risiko einer erneuten exponentiellen Verbreitung des Virus verringern, die deutlich härtere Einschnitte erfordern würde – mit allen negativen wirtschaftlichen und sozialen Begleiterscheinungen. Vorsicht an der richtigen Stelle zahlt sich am Ende für alle aus. Bis jetzt haben die deutschen Politiker im internationalen Vergleich in den meisten Fällen vernünftig und umsichtig auf die Corona-Pandemie reagiert. Der Vorwurf, sie setzten sich leichtfertig über bürgerliche Freiheiten hinweg und nähmen Milliardenschäden für die Wirtschaft billigend in Kauf, entbehrt jeder Grundlage.

Von Werner Ludwig