Leitartikel

Kluger Schachzug

Stuttgart Die Vereinten Nationen stecken in einer politischen Krise. Im Sicherheitsrat blockieren sich die Vetomächte und die Bereitschaft, gemeinschaftliches Handeln zu finanzieren, hat nicht nur in den USA unter Donald Trump rapide nachgelassen. Die Nachricht, dass das Welternährungsprogramm der UN nun mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wird, vermag da in den trüben Alltag ein wenig Glanz und Hoffnung zu bringen. Schließlich handelt es sich nicht um eine Sonderorganisation, das Programm ist integraler Teil der UN. Und die ist heute wichtiger, als jemals zuvor in ihrer 75 jährigen Geschichte.

Die UN als Ganzes verdienen mehr Beachtung und mehr Engagement. Da war es ein kluger Schachzug des Nobelpreiskomitees, den Blick zunächst auf einen Bereich zu lenken, der zu den unumstrittensten gehört. Das Welternährungsprogramm ist getragen von einer überragenden Akzeptanz, es ist weitgehend unpolitisch, und es wird, das ist das tragische, ebenfalls immer wichtiger. Der Hunger auf der Welt ist nicht besiegt, er nimmt zu, erst Recht in Zeiten von Corona.

Während in manchen Ländern darüber gestritten wird, ob der Einkauf mit Maske das Shoppingerlebnis leiden lässt, bedeutet das Virus für viele, die ohnehin nicht viel haben, das völlige Ende. Schon im April hat das Welternährungsprogramm davor gewarnt, dass sich die Zahl der unterernährten Menschen in Folge der Pandemie verdoppeln könnte. Ihnen mit Soforthilfe zur Seite zu stehen, das ist fraglos preiswürdig. Auf der ganzen Welt ist die Entscheidung des Nobelpreiskomitees und die Arbeit der Preisträger daher in den höchsten Tönen gelobt worden. Die Warnungen der Experten rechtzeitig wahrzunehmen, und mit einer großen Gemeinschaftsleistung dagegen vorzugehen, dass der Hunger sich überhaupt erst ausbreiten kann, das wäre allerdings noch viel verdienstvoller.

Dafür bräuchte es mehr als Sonntagsreden. Ein beachtlicher Teil des weltweiten Hungers ist darauf zurückzuführen, dass es dem anderen, sprich unserem, Teil der Welt, gut geht. Die Bespiele für diese globalen Zusammenhänge sind hinreichend bekannt. Wenn in Ghana tiefgefrorene Geflügelabfälle aus Europa und den USA dank dort bezahlter Subventionen billiger verkauft werden können, als das vor Ort selbst gezogene Federvieh, dann läuft etwas falsch. Wenn europäischer Plastikmüll in Malaysia auf riesigen Flächen gehortet oder verbrannt wird, dabei Wasserquellen verschmutzt und Felder unfruchtbar macht, und so für einen kurzen Gewinn die Lebensgrundlage von Generationen zerstört, dann stinkt das zum Himmel. Dagegen wirksam vorzugehen, würde aber bedeuten, nicht nur auf fernen Kontinenten etwas zu verändern – sondern den Hebel hierzulande anzusetzen. Es würde auch bedeuten, dass manches bei uns im Preis zulegt.

Ebenso wäre es wünschenswert, wenn manch eine Regierung, die sich heute wortgewaltig über die Entscheidung aus Oslo freut, auch dann noch an ihr Lob erinnert, wenn wieder einmal das Scheckbuch gezückt werden soll. Im April musste das Welternährungsprogramm die Hilfe für den Jemen halbieren – aus Geldmangel. Die Zeichen deuten nicht darauf hin, dass der Kampf gegen den Hunger künftig günstiger wird. Helfer und Hilfsbedürftige brauchen die dauerhafte Unterstützung der Staatengemeinschaft.

Der Friedensnobelpreis für das Welternährungsprogramm, das ist keine mutige Entscheidung, eher eine klassische. Sie rückt ein Thema in den Mittelpunkt, welches mehr Aufmerksamkeit verdient. Ob das gelingen wird, ist fraglich. Der Welternährungstag, der nächsten Freitag begangen wird, hat ein ähnliches Ziel. Seit 41 Jahren. Geändert hat sich nicht viel.

Von Christian Gottschalk