Leitartikel

Krankheit Einsamkeit

Stuttgart Vielleicht muss man dort anfangen, wo die Welt allem Anschein nach einigermaßen in Ordnung ist. Bei denen, die für sich in Anspruch nehmen, alles im Griff zu haben. Aber auch Menschen, die mitten im Leben stehen, unterziehen sich manchmal der schweren Übung, sich ganz auf sich selbst zurückzuziehen. Sie stellen ihr Mobiltelefon aus, fahren auf eine einsame Berghütte oder gehen ins Kloster und reduzieren ihren Lebensradius auf nahezu null. Ihr Ziel: mal ganz runterzukommen. Die meisten bemerken dabei, dass die vermeintlich leichte Aufgabe sehr schwer ist.

Mit sich allein zu sein, zu schweigen und aus dem Innen zu schöpfen ist eine reizvolle Übung, wenn man sich ihr freiwillig stellt. Denn dann hat sie eine Ende und ist das, was wir neudeutsch gerne Achtsamkeitsübung nennen. Aus dieser individuellen Erfahrung können oder – besser – müssen wir als Gesellschaft lernen, wollen wir in Pandemiezeiten, wie es ebenfalls immer so schön heißt, niemanden zurück- oder alleinelassen und unseren Anspruch auf Mitmenschlichkeit nicht verlieren.

Denn was ist, wenn das Alleinsein den weniger schönen Namen Einsamkeit oder soziale Isolation trägt? Was, wenn die Abwesenheit von Menschen und die Stille, die einen umgibt, bis an die Schmerzgrenze wehtun, weil die Seele krank ist und man das Leben eben nicht so nonchalant im Griff hat? Dann ist jeder Tag eine manchmal nur schwer zu bewältigende Herausforderung und ein Kampf. Corona, das sagen erste Beobachtungen und eigentlich auch der gesunde Menschenverstand, potenziert das Leiden an der Welt für die, die nicht auf ausreichend Ressourcen jeglicher Art zurückgreifen können . Diese Überlebensstrategien benötigen in Corona-Ausnahmezeiten selbst diejenigen, die unter Normalbedingungen unauffällig durchs Leben kommen. Niemand ist davor gefeit zu schwächeln . Es wäre ja fast unnormal, jetzt nicht vor irgendetwas Angst zu haben: vor Krankheit im Allgemeinen und Ansteckung im Speziellen, vor den wirtschaftlichen Pandemiefolgen und überhaupt vor einer unsicheren Zukunft.

Einen Indikator, dass der Ausnahmezustand mit vielleicht lang anhaltenden Folgen durchschlägt, gibt es schon jetzt. Er sollte alarmieren: Die Zahl der Krankmeldung aufgrund seelischer Krankheiten liegt laut Techniker-Krankenkasse im ersten Halbjahr bei 20 Prozent. Vor einem anstehenden Tsunami psychischer Krankheiten warnt gar der renommierte Psychiater Vikram Patel. Während Politik, Virologen und Wirtschaft noch diskutieren, ob wir und – wenn ja – wie tief wir in der zweiten Welle stecken, sind sich Experten für seelische Erkrankungen sicher: Die dritte Welle wird kommen. Sie meinen die der psychischen Krankheiten.

Denn Pandemie, das heißt für die sogenannten vulnerablen Menschen wie Alte, Kranke und auch Kinder oder die, die aus anderen Gründen ins gesellschaftliche Abseits geraten sind, in erster Linie: weniger Kontakte, weniger Teilhabe am Leben, weniger Selbstbestimmtheit – im schlimmsten Fall Vereinsamung. Die macht krank an Körper und Seele. Sie beschleunigt zudem den Abbau der Kräfte gegen Ende des Lebens. Denn Leben ist Beziehung und der Kontakt zu anderen Menschen. Nähe gibt Sicherheit und vermindert Ängste. D ie zeitweise Schließung der Pflegeheime hat uns vor Augen geführt, was die Abwesenheit von vertrauter Nähe trotz Betreuung durch Pflegekräfte bewirken kann . Schlimm war dieser Zustand nicht nur für die Isolierten, sondern auch auch für die, die draußen bleiben mussten. Diese Erfahrung sollten wir uns gerade jetzt in Erinnerung rufen, wo es wieder darum geht, uns alle gegenseitig besser vor der Ausbreitung des Coronavirus und den Folgen zu schützen.

Von Hilke Lorenz