Leitartikel

Hochamt des Gemeinsinns

Stuttgart Ohne Übertreibung kann man sagen, dass der größte Teil der deutschen Gegenwartsliteratur seinen Wohnsitz im Corona-Risikogebiet Berlin hat. Wie steht es da mit der Beherbergung in Frankfurt? Fragen über Fragen. Man kann darüber streiten, ob es sinnvoll ist, in diesem Jahr eine Buchmesse stattfinden zu lassen , weitgehend entkernt von ihrem Herzstück: dem großen Schaulaufen in prall gefüllten Hallen, in denen sich sonst alle um etwas versammeln, das pathetisch gesprochen in seiner Gesamtheit unsere Zeit in all ihren Ausprägungen auf den Begriff bringt. Denn das ist das große Versprechen der Bücher: dass sie unsere innersten Vorstellungen, Anschauungen und Erlebnisse prinzipiell teilbar und für alle verständlich machen. Jede Messe feiert außer ihren eigenen ökonomischen Interessen, dass die unüberschaubare Menge von Ansichten, Positionen und Perspektiven hier in einer Vielfalt zusammenfindet, die sich Jahr für Jahr in neuen Rekordzahlen von Ausstellern und Besuchern niederschlägt.

Zu der herbstlichen Leistungsschau in Frankfurt zählt eben nicht nur, was die Verlage auf immer neuen Wegen und Kanälen in Umlauf bringen, sondern auch die Produktion dessen, was man Gemeinsinn nennen könnte: eine Form des Zusammenhalts, in der sich Einzelinteressen mit dem Ganzen vermitteln. Die Messe ist als weltweit wichtigster Handelsplatz für Literatur so bedeutend wie als Ort gesellschaftlicher Debatten.

Ausgerechnet in einer Zeit, in der Gesellschaften in eine Fülle von Privatuniversen auseinanderbrechen und das Fundament einer gemeinschaftlich geteilten Faktenbasis zu verlieren drohen, hat ein Virus den sozialen Organismus dieser Veranstaltung befallen. Wo sich sonst Menschen und Meinungen, die sich längst aus den Augen verloren haben, physisch begegnen konnten, zirkulieren nun Bits und Bytes, um den Kreislauf des pandemisch zerrütteten literarischen Lebens notdürftig aufrechtzuhalten.

Wird das größte Branchentreffen der Welt weitgehend ausgelagert auf digitale Plattformen funktionieren, wenn fast keine internationalen Gäste, Lizenzhändler und Autoren nach Frankfurt reisen können? Der Auftritt des Gastlandes Kanada ist auf das kommende Jahr verschoben, und in den Messehallen wartet gähnende Leere. Ob ein virtuelles „Bookfest“ oder im Netz übertragene Lesungen in der Stadt die spezielle Energie ersetzen können, die aus dem Zusammentreffen von Markt und Leidenschaft entsteht, erscheint mehr als fraglich.

Doch es hilft nicht, die Tradition zu beschwören. Man sollte das Angebot der Teilhabe auf digitalem Weg nicht leichtfertig ausschlagen und dieser Corona-Spezialausgabe eine Chance geben. Ein Livestream ist besser als ein vorschnell in Kauf genommener Exitus. Vielleicht war man auf die Weltbeschreibungskraft der Literatur noch nie so sehr angewiesen wie in diesen Tagen, in denen überall die Temperatur im Kessel steigt und ein kranker Präsident die Welt mit Hass und Spaltung infiziert. Selten kamen uns Albträume so nahe wie derzeit, wo die Demokratie Ungeheuer gebiert, die sie in ihrem Grundbestand bedrohen, und das Gespenst des Populismus sich jedes beliebige Mäntelchen überwirft, notfalls auch die Maske fallen lässt, um Spektakel zu machen.

Literatur speist sich aus unseren Träumen, den schönen wie den schlimmen. Und wenn sie gut gemacht ist, erkennen wir uns in ihr wieder. Sie gibt keine einfachen Antworten, sondern stimuliert die Kraft, zu verstehen. Einer ihrer wichtigsten Umschlagplätze ist und bleibt die Frankfurter Buchmesse, die an diesem Mittwoch ihre Tore öffnet. Man sollte hindurchspazieren – auf welchem Weg auch immer.

Von Stefan Kister