Leitartikel

Es geht nur gemeinsam

Berlin Das Krisenmanagement braucht eine Kurskorrektur, die Krisenkommunikation erst recht. Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder, die an diesem Mittwoch zum wiederholten Male konferieren, sind im Kampf gegen das Coronavirus zuletzt falsch abgebogen.

Sicher, beim Fahren auf Sicht passieren Fehler. Sie sollten sich aber, wie beim Beherbergungsverbot geschehen, nicht wiederholen. Zu Beginn der Pandemie wurden EU-Staaten alleingelassen und Grenzen geschlossen, obwohl sie das Virus auf Dauer nicht aufhalten. Danach versprach man einander, die europäische Gemeinschaft nicht wieder leichtfertig aufs Spiel zu setzen – und bedient sich nun im Inland ähnlicher Abschottungsmechanismen. Davon abgesehen, dass Virologen die innerdeutsche Reisetätigkeit bisher nicht als Infektionstreiber sehen und ökonomische Schäden drohen: Die Stigmatisierung von Regionen, Stadtbewohnern oder nach Erholung lechzenden Urlaubsfamilien kann nicht der Weg sein. Das zerstört den Gemeinsinn, ohne den der Lage nicht Herr zu werden ist: We’re in this together!.

Natürlich erzeugt die Pandemie bittere Ungleichheiten, da sie ländliche Räume tendenziell weniger trifft als Städte oder jüngere Infizierte eher auf milde Verläufe hoffen können. Statt Unterschiede zu betonen, sollten Verantwortliche alles daran setzen, ihre Auswirkungen zu begrenzen.

Das Schutzbedürfnis bisher verschonter Gegenden ist legitim. Es bleibt richtig, den Härtegrad der Einschränkungen auch am Infektionsgeschehen vor Ort auszurichten. Nur rechtfertigt das nicht das Ende der Bewegungsfreiheit oder das Verschleudern von Tests für gesunde Personen. Die allgemeinen Vorsichtsregeln – Abstand, Hygiene, Alltagsmaske und Warn-App – sollten auch hier der Maßstab sein. Wer sie befolgt und Stadtkindern ein Wochenende in der Natur gönnt, fügt der Gesellschaft keinen Schaden zu, er tut ihr einen Gefallen. Die Trennlinie verläuft nicht entlang von Länder- oder Kreisgrenzen, sondern, wenn überhaupt, zwischen Vernünftigen und Unvernünftigen.

Auch Letztere werden gebraucht, wie auch Junge und Alte gebraucht werden. Diese Differenzierung hat Kanzlerin Merkel zuletzt ebenfalls vermissen lassen. Ihr sicher gut gemeinter Appell an die Jugend vom Ende vergangener Woche hatte ebenfalls etwas Spalterisches – er ignorierte, dass eine sehr große Zahl junger Leute derzeit eben nicht ungehemmt feiert, sondern mit bewundernswerter Gelassenheit die neue Situation annimmt, während sich gerade unter den etwas Älteren diejenigen finden, die von Corona-Diktatur sprechen.

Kommunikative Verkürzungen und Pauschalurteile erschweren den Kampf gegen die Pandemie. Das gilt für die medizinische Seite wie für die Beschreibung der Folgen: Oberstes Ziel für den Herbst und Winter ist völlig zu Recht, einen allgemeinen Lockdown zu verhindern und prioritär Betriebe, Kitas, Schulen, Alten- sowie Pflegeheime offen zu halten. Das darf aber nicht dazu führen, dass alles andere als nachrangig beschrieben und empfunden wird. Nur wer das Gefühl hat, dass seine Anliegen und Nöte in eine politische Gesamtabwägung eingeflossen sind, wird länger anhaltende Einschränkungen zugunsten des Gesundheit mittragen.

So laufen die Regierungen Gefahr, sich auf einer pauschalen Annahme über die eigene Bevölkerung auszuruhen. Die Anti-Corona-Maßnahmen sind zu einschneidend, um die große Unterstützung dafür als dauerhaft gegeben zu betrachten. Das gilt erst recht, wenn Gruppen gegeneinander gestellt werden – so nun wieder mit dem Vorschlag längerer Weihnachtsferien, der Eltern jüngerer beziehungsweise älterer Kinder verschieden hart träfe. Merkels Ministerpräsidentenrunde muss jetzt ein Signal aussenden: Es geht nur gemeinsam.

Von Christopher Ziedler