Leitartikel

Wie Corona Geschichte macht

Stuttgart Tag für Tag wird die Lage dramatischer. Am Mittwoch hat das Robert-Koch-Institut bereits mehr als 5000 neu infizierte Corona-Patienten registriert. Vielerorts sind die Gesundheitsämter bereits überfordert beim Versuch, die Infektionswege nachzuverfolgen. Dies wiederum wäre eine entscheidende Voraussetzung dafür, dass die Pandemie nicht außer Kontrolle gerät. Wie schnell das gehen kann, zeigt der neuerliche Notstand in Frankreich. Es gab also Gründe genug, weshalb die Kanzlerin die Regierungschefs der Bundesländer persönlich einbestellt hat – und weshalb schon vorab von einer historischen Tragweite dieses Treffens die Rede war.

Historisch könnte man es schon deshalb nennen, weil das die letzte Gelegenheit gewesen sein könnte, um einen zweiten Lockdown des öffentlichen Lebens wie im Frühjahr zu verhindern. Falls ein solcher nicht zu verhindern sein wird, sehen wir nicht nur medizinischen und menschlichen Tragödien entgegen, sondern auch einem historischen Einbruch der Wirtschaft mit dramatischen Folgen für Unternehmen und Beschäftige. Das würde letzten Endes jeden betreffen – auch jene, die unter den schwindenden finanziellen Möglichkeiten des Staates zu leiden hätten. Die pandemische Krise verschlingt schon jetzt Milliardensummen in bisher nie verausgabter Größenordnung. Diese historischen Aspekte wiegen schwerer als die historisch ebenfalls beispiellose Einschränkung von Freiheitsrechten . Wobei es sich dabei um befristete Maßnahmen handelt, im anderen Fall vielfach um bleibende Schäden.

Gemessen am Anspruch aller potenziell Gefährdeten, die Seuche zu überleben, sind diese und weitere ins Auge gefasste Einschränkungen vergleichsweise belanglos. Das gilt auch für die Zumutung, mal auf einen Herbsturlaub zu verzichten, eine Geburtstagsfeier zu vertagen oder das Wochenendtreffen mit Kumpels im Park für eine Weile ausfallen zu lassen.

Ob die Beschlüsse der Runde im Kanzleramt das Etikett historisch verdienen, wird im Lichte der weiteren Entwicklung zu beurteilen sein. Jedenfalls haben sich Deutschlands führende Politiker offenkundig schwer damit getan, auch nur halbwegs eine gemeinsame Linie zu finden. Die Entscheidungsvielfalt in unserem dezentral organisierten Pandemiestaat hat sich als beschränkt funktionstüchtig erwiesen. Gerade in jüngster Zeit kamen Zweifel auf. Es ist bezeichnend, dass ausgerechnet aus der Ecke, in der sonst dem Föderalismus gehuldigt wird, jetzt mahnende Worte gegen eine übertriebene Kleinstaaterei zu hören sind.

Die sehr weitreichende Eigenverantwortung von Ländern und Kommunen mag bessere Voraussetzungen für eine Feinsteuerung der Krise bieten. Je dramatischer die Lage sich zuspitzt, desto dringlicher wäre jedoch ein einheitlicher Kurs. Denn vor dem Virus sind alle gleich, ob sie nun von Markus Söder oder von Manuela Schwesig regiert werden. Regeln werden umso eher befolgt, je weniger sie sich widersprechen, je überzeugender sie zu begründen sind – was schwierig wird, wenn sie sich von Land zu Land und manchmal sogar von Kreis zu Kreis unterscheiden.

Wichtiger als die Verständigung auf politischer Ebene ist aber die Bereitschaft möglichst vieler, auf gefährdete Mitmenschen Rücksicht zu nehmen. Das erfordert Mitgefühl und Selbstdisziplin. Insofern hat Gesundheitsminister Spahn recht: Die Pandemie ist auch ein Charaktertest für die ganze Gesellschaft. Ungeachtet der jeweiligen Vorschriften und Bußgelddrohungen bleibt es eine Charakterfrage, wie jede einzelne Person damit umgeht. Das beginnt bei der Frage, ob die nächste Urlaubsreise unverzichtbar und Entspannung nicht auch ohne Remmidemmi in Bars oder am Eckensee zu finden ist.

Von Armin Käfer