Das erste Mal

Umweltkummer auf dem Balkon

Stuttgart Sie leuchten knallgelb aus der dunklen Erde der Pflanzkübel. Ich setze die Gießkanne ab und gehe in die Hocke, um mir die Dekoration genauer anzusehen. Eine Bekannte hat mich gebeten, ihre Balkonblumen zu gießen, während sie mit Mann und Tochter Urlaub macht. Nachbarschaftliche Selbstverständlichkeit am Ende eines Corona-Sommers, in dem sich mein Stadtviertel mehr und mehr als Dorf gezeigt hat.

Was ich herausziehe, bleibt an meinen Fingern kleben. Ich bin so verblüfft, dass ich mehrmals hinsehen muss, um zu begreifen. Auf der Oberfläche des Plastikschmetterlings zuckt und bebt ein Gewimmel von zarten Beinen, gestreiften und glänzenden Leibern, durchsichtigen Flügeln. Alle sind sie da: die schwarz-gelb geringelten Angehörigen des Wespenvolkes, mit dem ich während der heißen Tage meine Küche geteilt habe, ohne jemals gestochen zu werden, winzige Fruchtfliegen mit orange-roten Stecknadelkopfaugen, blau-grün schimmernde Mistfliegen.

Was ich beim Anblick ihres elenden Sterbens fühle, hat ein Freund als „ecological grief“, zu Deutsch „Umweltkummer“, bezeichnet. Es geht nicht nur darum, dass Lebewesen in einer solchen grausamen Falle unnütz leiden. Alle Medien schreien das Bienensterben heraus, jeder Supermarkt verkauft insektenfreundliche Saatmischungen. Dass es immer weniger Insekten gibt, ist eine Tatsache. Aber trotzdem halte ich dieses grässliche Ding in der Hand, könnte dabei gleichzeitig heulen und fluchen. Meine Bekannte ist Mutter eines Kleinkinds, sie fürchtet sich vor Wespen. Nicht jeder muss so verrückt nach Kerbtieren sein wie ich. Schon mittelalterliche Gelehrte fragten sich genervt, wozu summende, stechende, blutsaugende Krabbler geschaffen wurden. Aber sie gehören in unsere Welt, noch die ekeligste Fliege hat ihren Platz im großen Ganzen, als Vogelfutter, als Bestäuberin, als aasvertilgende Müllabfuhr. Wer das Insekt verabscheut, denkt vielleicht an den Vogel, den es ernährt.

Ich weiß nicht, wie ich mit der jungen Frau über diese Fallen sprechen soll, ohne übergriffig zu wirken. Für den Rest meiner Gießzeit sperre ich die Todesfallen in eine leere Keksdose. Nur Wissen um die Dinge kann zu Liebe und Faszination führen. Dazu empfehle ich den Besuch der Ausstellung „Vor aller Augen“ in Ute Nolls Uno Art Space, der bekannten Fotogalerie im Lehenviertel. Die Stuttgarter Künstlerin Anne Schubert hat hier mit ihren „Insektentellern“ (bereits verstorbene) Fundstücke aus Wald und Flur auf feinem Porzellan arrangiert. Libellen und Käfer fügen sich mit den leuchtenden Blumenmalereien zu Stillleben, bei denen sich Schönheit zu Schönheit gesellt. Schuberts Blick auf die winzigen Geschöpfe zeigt sie als das, was sie bei genauem Hinsehen sind: Kostbarkeiten innerhalb einer Schöpfung, zu der wir alle gehören und die wir achten und schützen sollten.

Von Anna Katharina Hahn