Leitartikel

Wunsch nach Veränderung

Stuttgart Diese Umfrage hat es in sich . Völlig unabhängig von Favoritenpositionen, die viele Veronika Kienzle von den Grünen und Frank Nopper von der CDU zugebilligt haben, scheint der Ausgang der Wahl zum Stuttgarter Oberbürgermeister oder zur Oberbürgermeisterin offen . Zwar hat das Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap die Stuttgarterinnen und Stuttgarter nicht gefragt, wen sie wählen würden, sondern nur, wen sie für einen guten OB halten würden. Deshalb darf man in den Zahlen der Umfrage keine messerscharfe Wahlprognose sehen. Und doch: nach diesem Stimmungsbild scheint für die Nachfolge von Fritz Kuhn im Stuttgarter Rathaus vieles, wenn nicht sogar alles möglich.

Das liegt auch am scheidenden Oberbürgermeister selbst, der die Stuttgarter in den acht Jahren seiner Amtszeit der Umfrage zufolge eher enttäuscht als überzeugt hat. Der Wunsch nach Veränderung bricht sich Bahn, doch ist er angesichts der fehlenden Bekanntheit aller Kandidaten noch wenig zielgeleitet. Noch sind es drei Wochen bis zum ersten und weitere drei Wochen bis zum zweiten Wahlgang – Zeit für die Wettbewerber, sich in der Stadt bekannter zu machen. Aber auch höchste Zeit. Selbst der bekannteste der Kandidaten, der Stadtrat Hannes Rockenbauch, ist der Hälfte der Befragten unbekannt. Fritz Kuhn und Sebastian Turner, die prominentesten Bewerber vor acht Jahren, kamen seinerzeit kurz vor der Wahl 2012 auf Bekanntheitswerte an die 80 Prozent.

Das alles muss nichts heißen. Bundespolitische Strahlkraft oder Glamour machen noch keinen guten OB. Kenntnisse vor Ort, die Hinwendung zu den Menschen, Tat- und Durchsetzungskraft, Verwaltungserfahrung können im Zweifel wichtigere Trümpfe sein. Doch wenn selbst die heute Führende Veronika Kienzle nur von einem Viertel der Befragen für eine mögliche gute Oberbürgermeisterin gehalten wird, dann zeigt das: Alle müssen noch kräftig zulegen. Es gilt also nicht nur die eigene Bekanntheit, sondern auch die Überzeugung in die persönliche Kompetenz zu stärken. Wo das Not tut, sagt die Umfrage auch: Verkehr, Wohnen und der Umweltschutz sind die Themen, die die Stuttgarter umtreiben. Wie auch nicht?

Aus dieser Gemengelage erklärt sich wohl auch die Performance des jungen Außenseiters Marian Schreier. Ohne parteipolitische Basis bringt er es, mutmaßlich vor allem auch durch seine Aktivitäten in den sozialen Netzwerken, auf beachtliche Zustimmungswerte. Nun steht er vielleicht nicht auf Augenhöhe mit dem Trio Kienzle, Nopper und Martin Körner, der von der SPD unterstützt wird, und das sich ein wenig von den anderen abgesetzt hat. Doch völlig außer Reichweite sind die drei Platzhirsche für ihn nicht. Es ist wohl weniger seine Stärke als vielmehr die bis jetzt fehlende Strahlkraft der etablierteren Bewerber und die Ernüchterung über die Arbeit Kuhns, die auf einmal auch eine ganz große Überraschung möglich erscheinen lassen.

So weht eine Brise von Unberechenbarkeit über dem ersten Wahlgang, zumal die kommenden Wochen sicher nicht nur vom Wahlkampf, sondern auch durch Corona geprägt sein werden, was den Ausgang noch unvorhersehbarer macht.

Angesichts der Fülle offener Fragen wird der neue Oberbürgermeister vom ersten Tag seiner Amtszeit an viele Richtungsentscheidungen für Stuttgart fällen können und müssen. Er wird das Bild der Stadt in den kommenden Jahrzehnten prägen wie wenige zuvor. Wer sich in dieser Ausgangslage nicht für die Wahl interessiert, dem ist nicht zu helfen. Auf die Kandidaten, aber auch auf die Stuttgarterinnen und Stuttgarter kommen nun aufregende Wochen zu.

Von Joachim Dorfs