Leitartikel

Der Terror aus der Echokammer

Stuttgart Lebenslang, besondere Schwere der Schuld, Sicherungsverwahrung. Natürlich gibt es am Ende die härteste Kombination, die das deutsche Sanktionssystem zu bieten hat. Was sonst käme denn auch in Betracht? Unzurechnungsfähigkeit vielleicht? Ja, nach den moralischen Maßstäben einer normal denkenden Gesellschaft – was immer das im Detail auch sein mag – ist der Mann tatsächlich unzurechnungsfähig. Gestört ist er, wie er da schwer bewaffnet durch Halle zieht, in der Absicht, Juden zu töten. So etwas ist nicht normal. In juristischen Kategorien gesprochen, besitzt der Mann jedoch die nötige geistige und moralische Reife und die Fähigkeit, das Unrecht seiner Tat zu erkennen. Er ist schuldfähig. Also lebenslang.

Es ist ein Sonderling, der da nun für einen unabsehbar langen Zeitraum hinter Gitter muss. Ein Einzelgänger. Niemand, der eine Gruppe Gleichgesinnter hinter sich geschart hat, um die Wahnsinnstat zu begehen. Doch die Welt ist inzwischen voll von Sonderlingen und Einzelgängern. Der nun Verurteilte hatte in Halle zu seinem persönlichen Dschihad gegen Juden aufgerufen. In Hanau wurden zu Jahresbeginn zehn Menschen ermordet, die meisten hielt der Mörder für Angehörige des Islam, er handelte allein. In Frankfurt läuft noch das Verfahren gegen einen Mann, der für den ersten Mord an einem deutschen Politiker nach dem Krieg verantwortlich sein soll, weil dieser den menschlichen Umgang mit Flüchtlingen propagierte. Auch dieser Täter handelte vordergründig allein, vielleicht mit maximal einem Freund zusammen.

Doch diese Menschen sind nicht alleine. Ihren Zuspruch, ihre Legitimation finden die wirren Geister im Internet. Dort gibt es Tausende, die ähnlich denken, die daran glauben, dass Juden, Muslime und Schwarze unter einer Decke stecken, und nichts unversucht lassen, die Welt der Weißen in den Abgrund zu stürzen. Hier gibt es keine Grenzen. Halle und Christchurch, Hanau und Austin – alles liegt eng beieinander. Krude Ideologien finden im Netz einen immer fetteren Nährboden, je mehr sich die wirtschaftliche Situation in der realen Welt zum Mageren wendet und je unsicherer die Zukunft wird. Sie gedeihen in Zeiten wie diesen.

Natürlich gibt es Unterschiede zwischen den Tätern von Halle, Hanau und anderswo. Sie haben sich auf unterschiedlichen Webseiten getummelt, sie haben ihre Waffen aus unterschiedlichen Quellen bezogen, sie haben unterschiedliche Vorbilder gehabt, denen sie glaubten, nacheifern zu müssen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie schon lange vor der Tat in einem Umfeld von Verschwörern zu Hause gewesen sind. Die Ideologie des Täters von Halle, seine Echokammern und seine Aufenthaltsräume standen nicht im Mittelpunkt des Prozesses. Um dies vollumfänglich aufzuklären und auszuleuchten, ist der Strafprozess auch nicht das richtige Mittel. Man kann darüber streiten, ob das Gericht genügend oder zu wenig in diesen Sumpf hineingestochert hat. Doch wenn es eine Lehre gibt, die aus dem Anschlag und seinem Prozess gezogen werden kann, dann ist es die, dass Verschwörungstheorien nicht belächelt werden dürfen.

Wenn durch das Verbreiten von Hassreden und Verschwörungsmythen gegenüber einer Gruppe ein gesellschaftliches Klima erzeugt wird, in dem Einzelne sich ermuntert fühlen, Mitglieder dieser Gruppe anzugreifen, dann ist das eine Art von Terror. Der mag zunächst in einem unscheinbaren Gewand daherkommen, doch gerade daher sind Hassreden und Verschwörungsgerede sehr viel ernster zu nehmen als bisher. Das gilt für Politiker und Ermittlungsbehörden. Das gilt aber auch für jeden von uns. Bei rassistischen Äußerungen ist genaues Hinhören und Einschreiten Staatsbürgerpflicht.

Von Christian Gottschalk