Leitartikel

Ein Verzeichnis der Defizite

Stuttgart Um vorsätzlich und nicht ohne ein wenig Trotz mit dem Positiven anzufangen: 40 Prozent der Baden-Württemberger zeigen sich im Blick auf die nächsten zwölf Monate grundsätzlich optimistisch. Das sind zehn Prozent mehr als noch im Oktober, und man braucht nicht viel Fantasie, um den Grund des Aufwärtstrends zu erahnen: Mit dem Impfen kommt die Hoffnung auf ein normales Alltagsleben zurück.

Trotzdem, und das ist ein großes Aber, prägen düstere Schattierungen das Bild. Mehr als die Hälfte ist mit Skepsis und handfesten Befürchtungen ins neue Jahr gestartet. Je stärker die persönliche Betroffenheit durch Einkommenseinbußen (23 Prozent) bis hin zum Arbeitsplatzverlust durch Corona (vier Prozent) ist, desto pessimistischer fällt die Prognose dafür aus, wie viele Firmen pleitegehen und wie viele Menschen ihren Job verlieren werden. Corona ist dabei die Ursache vieler, aber längst nicht aller Übel. Wirtschaft und Politik täten deshalb gut daran, die Enttäuschungen wahrzunehmen, die sich in den Antworten spiegeln. Die Umfrage taugt als Verzeichnis der Defizite.

Beispiel eins: ein Bummelzug im Digitalen. Gerade einmal ein Fünftel der von den Allensbacher Meinungsforschern befragten Bürger sieht die Unternehmen des Landes im Blick auf die Digitalisierung gut aufgestellt. Fast 60 Prozent haben stattdessen den Eindruck, sie hinkten hinterher – ein bitterer Befund für eine Region, die ihr Selbstverständnis zu nicht geringen Teilen aus ausgetüftelter technischer Innovationsstärke bezieht. Nach der Verwaltung wurde dabei nicht gefragt, aber man ahnt, dass das Ergebnis im Bannkreis von faxgetriebenen Gesundheitsämtern und Moodle-geplagten Schulen nicht besser ausfallen dürfte. Das Meinungsbild ist eine klare Aufforderung, den Wandel beherzter und mit mehr Ehrgeiz anzugehen.

Beispiel zwei: das Auto als sinkender Stern. Nur jeder dritte Baden-Württemberger glaubt, dass die Fahrzeugindustrie noch zur erfolgreichen Entwicklung der hiesigen Wirtschaft beitragen wird. Fast die Hälfte ist überzeugt, dass deren Bedeutung sinken wird. Deutlicher kann kaum werden, dass die Branche in einer veritablen Imagekrise steckt. Die harten Sparprogramme, mit denen derzeit Überkapazitäten abgebaut werden, schlagen sich dabei nieder – noch mehr aber wohl das Tricksen, Zaudern und Hadern der Hauptakteure, das sich von der Vergangenheit bis in die Gegenwart zieht.

Erst werden Abgaswerte manipuliert, dann Hybridantriebe vom Irr- zum Königsweg umdeklariert und Brennstoffzellen bejubelt, begraben und ein bisschen wieder ausgebuddelt. Als die Großen wie VW und Daimler spät, aber laut „Electric first“ rufen, entdeckt der Autoverband VDA die Defizite beim Ladenetz. Und der Aufsichtsratschef von Bosch, immerhin weltgrößter Zulieferer und als solcher Marktführer auch bei Elektroautos in China, spricht Stromautos in Europa die Marktreife ab. Kein Wunder, dass dabei die positiven Botschaften übertönt werden wie der global ungebrochene Drang zur individuellen Mobilität, die Exporterfolge und die nach wie vor hohe Innovationskraft der deutschen Autobauer.

Beispiel drei: die Kluft zwischen Ökonomie und Ökologie. Zwei Monate vor der Landtagswahl und nach zwei Legislaturperioden unter grüner Führung glauben nur 22 Prozent der Bürger, dass die Landesregierung Wirtschaftswachstum und Klimaschutz gut miteinander vereinbart hat. Je ein Viertel wirft ihr vor, sich zu viel ums Klima zu kümmern beziehungsweise zu viel um die Wirtschaft. Wer immer im März gewählt wird: Er wird überzeugender erklären müssen, wie beides auf Dauer kein Gegensatzpaar bleibt, sondern in Einklang gebracht werden kann.

Von Matthias Schmidt