Leitartikel

Impfen ist kein Wunschkonzert

Mit dem Coronavirus ist es wie verhext: Kaum zeigt sich mit der Zulassung von Impfstoffen ein Silberstreif am Horizont, da nimmt der Anteil an mutierten und damit ansteckenderen Virusvarianten zu – und zwar „besorgniserregend“, wie Gesundheitsminister Jens Spahn zu recht mahnt. Wirklich Abhilfe verspricht hier nur das Impfen. Daher sollen nun schnell auch weitere Berufsgruppen wie Lehrkräfte und Erzieher vorrangig geimpft werden, wobei vor allem das Vakzin von Astrazeneca zum Einsatz kommen soll. Doch schon zeichnet sich das nächste Problem ab: Offenbar stehen viele Menschen diesem Impfstoff skeptisch gegenüber. Anders ist kaum zu erklären, dass Astrazenca-Termine nicht wahrgenommen werden, bisher vor allem von medizinischem Personal. Das ist kein gutes Signal: Wenn schon diese informierte Personengruppe skeptisch ist, was soll dann der normale Bürger denken?

Die Skepsis hat zwei Ursachen: Zum einen soll der Astrazeneca-Impfstoff nur zu etwa 70 Prozent wirken, während es die mRNA-Wirkstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna auf etwa 95 Prozent bringen. Zum anderen sorgen Berichte über gehäufte Nebenwirkungen wie Fieber und Mattigkeit bei Impfaktionen mit diesem Vakzin in Krankenhäusern für Unruhe. Auch wenn es keine schweren und unerwarteten Nebenwirkungen waren, so ist doch die Frage berechtigt, warum man mit dem schlechteren Wirkstoff geimpft wird und nicht den besseren bekommt.

Die Politik ist alarmiert. Zu recht, denn nur wenn möglichst viele Menschen geimpft werden, lässt sich die Corona-Pandemie dauerhaft in den Griff bekommen. Und nun wird es im Wettlauf mit der neuen Mutante noch wichtiger, dass es mit dem Impfen richtig schnell geht. So macht denn auch schon das ziemlich abgedroschene Sprichwort die Runde, dass das Leben eben kein Wunschkonzert sei. Man könne sich beim derzeitigen Mangel nicht aussuchen, mit welchem Impfstoff man geimpft werden möchte.

Das ist zweifellos richtig. Doch rüde Sprüche mögen zwar bei blank liegenden Nerven verständlich sein, in der Sache helfen sie aber kaum weiter. Viel effektiver ist es, mit Argumenten für den Astrazeneca-Wirkstoff zu werben. Dazu zählt vor allem der persönliche Schutz: Auch wenn dieses Vakzin nicht ganz so gut wirkt wie die mRNA-Impfstoffe, so ist es doch weitaus besser als gar keine Impfung. Und gerade bei den nun bevorzugt zu impfenden Gruppen ist die Gefahr einer Ansteckung deutlich erhöht. Zudem kann auch der Astraceneca-Impfstoff neuen Studien zufolge nach einer Corona-Infektion das Risiko eines Klinikaufenthaltes um 94 Prozent verringern.

Hinzu kommt der Gesamtschutz der Bevölkerung, die sattsam bekannte Herdenimmunität. Gerade mit den ansteckenderen Varianten wird es noch wichtiger, dass möglichst viele mitmachen. Nur so lässt sich erreichen, dass sich das Virus nicht in immer neuen Wellen verbreitet und weitere Lockdowns erzwingt, wenn man nicht exponentiell steigende Infektionszahlen mit vielen schwer erkrankten Menschen und Toten riskieren will.

Allerdings erfordert es eine gewisse menschliche Größe, zunächst auf den besseren Impfstoff zu verzichten und sich mit einem etwas weniger wirksamen Vakzin zu begnügen. Doch die persönliche Sicherheit, auch damit jetzt und nicht erst in ein paar Monaten recht gut vor einer Ansteckung geschützt zu sein, sollte Anreiz genug für die schnelle Impfung sein. Später besteht immer noch die Möglichkeit, sich einen besseren Wirkstoff spritzen zu lassen, wenn dieser für alle zur Verfügung steht. Angesichts immer neuer Corona-Varianten könnte es ohnehin so kommen wie bei der Influenza, gegen die es jedes Jahr ein neues, angepasstes Vakzin gibt.

Von Klaus Zintz