Leitartikel

Was unsere Zeit verlangt

Wie verwirrend die Lage in Jerusalem nach dem Tod Jesu gewesen sein mag, dessen Leben, Sterben und Weiterwirken in diesen Tagen global besonders gedacht wird, erzählt das Johannesevangelium. Während die Jünger ohne geistige Führung und aus Angst vor Übergriffen ratlos hinter geschlossenen Türen tagen, hält Maria Magdalena, die als erster Mensch den auferstandenen Christus vor dem verlassenen Grab trifft, ihn zunächst für den Gärtner. Schnell aber wird ihr klar: „Ich habe den Herrn gesehen.“ So sagt sie es zu den Zweifelnden. Im Vatikan hat es bis ins Jahr 2016 gedauert, ehe diese Symbolik eine entsprechende Würdigung erfuhr. Auf Initiative von Papst Franziskus wurde Maria Magdalena dem Männerverbund schließlich liturgisch gleichgestellt. Kein großer Schritt für die Menschheit, aber in christlich-katholischen Zusammenhängen von Maria 2.0 zumindest eine Minimalbewegung nach vorne. Glauben, steht bereits in der Apostelgeschichte, heiße: innerlich unterwegs zu sein.

In der durch die Virusseuche hervorgerufenen ökonomischen, sozialen, aber auch mentalen und metaphysischen Krise, in die viele Menschen weltweit seit über einem Jahr geraten sind, haben sich die Kirchen überall weitgehend zurückgehalten. Der Freiburger Fundamentaltheologe Magnus Striet registrierte sogar eine „gewisse Sprachlosigkeit“. Über das bleibend vorhandene soziale Engagement hinaus – auf diesem Feld werde „immer noch bedeutende Arbeit geleistet“ – monierte er intellektuell eine fehlende „Deutungskompetenz“, was nicht zuletzt mit etlichen auf historisierende Weltbilder gestützten Denkfiguren zu tun habe, die immer noch im Umlauf seien.

Die aus „unterschiedlichen Gründen krisengeschüttelten Kirchen im deutschsprachigen Raum“ (Striet) müssten sich aber vielleicht erst einmal gar nicht so sehr um spezielle theologische Überbaufragen kümmern, sondern vor allem auf einer mittleren Vermittlungsebene Rat, Hilfen und Signale anbieten: Spiritualität im Allgemeinen beziehungsweise Glaube im Besonderen, nämlich einer, der sich dann auch praktisch umsetzen lässt, erfährt in unseren Zeiten, denen allein mit Rationalität (bei allem Vertrauen in die Naturwissenschaften) womöglich doch nicht ganz beizukommen ist, ja allgemein eine Aufwertung. Das Streben nach purem Materialismus jedenfalls macht selten ein gelingendes Leben aus. Weitaus eher ist es die Orientierung an den Gedanken der Versöhnung und Barmherzigkeit, die der evangelische Landesbischof Frank Otfried July in seiner Stuttgarter Karfreitagspredigt thematisiert.

Johannes XXIII. (gestorben 1963), ein Bergbauernsohn aus der Nähe von Bergamo, Mann des Volkes und ein vergleichsweise beliebter Papst, hat der Kirche geraten, einen Weg zu gehen, „wie unsere Zeit es verlangt“, als er das Zweite Vatikanische Konzil eröffnete, und er schloss vehement die Ökumene mit ein. Papst Franziskus wiederum hat schon sehr frühzeitig, nämlich 2015, in seiner zweiten Enzyklika „Laudato si‘“, Fragen der Gerechtigkeit unmittelbarer als seine Vorgänger angesprochen, als er besonders „unsere Unfähigkeit“ beklagte, „ernsthaft an die zukünftigen Generationen zu denken“.

Die Kirchen hierzulande, namentlich die katholische, haben viel vermasselt in den letzten Jahrzehnten, und ein verantwortlicher Umgang mit der Sexualität ist nur ein Punkt auf der Liste. Andererseits aber verlangt die Zeit neben einer reformbereiten säkularen Gesellschaft auch nach einer neuen Sichtweise auf das, was uns die Schöpfung bedeutet und wie sie zu bewahren ist. Aspekte kirchlicher Lehren, wenn sie ihrem radikalen Ursprungsgedanken folgen, könnten da eine Hilfe werden, um innerlich unterwegs zu sein.

Von Mirko Weber