Leitartikel

Wer kann Kanzlerin?

Es wird Zeit, dass die Wählerinnen und Wähler Klarheit bekommen. Noch stehen im Kalender gut 170 Tage bis zur Bundestagswahl, aber sie verlangt auch eine besonders intensive Prüfung der Kanzlerkandidaturen. So viel nämlich ist sicher: Das höchste Regierungsamt wird neu besetzt, da Angela Merkel, bald 16 Jahre die prägende Gestalt der deutschen Politik, die große Bühne verlässt. Wer ihr nachfolgen soll, wird von der Öffentlichkeit ganz genau unter die Lupe genommen werden. Da wäre es hilfreich, man wüsste, wer das sein könnte.

Vorbildlich in diesem Sinne hat die SPD agiert, die schon früh Olaf Scholz zu ihrem Kanzlerkandidaten gemacht hat. Das interessierte Publikum kann sich seit acht Monaten ein Bild davon machen, ob es dem Vizekanzler auch die Richtlinienkompetenz zutraut. Wahltaktisch war das sicher riskant – aber zumindest sind die sonst notorisch zerstrittenen Genossen in dieser Frage geeint und klar aufgestellt.

Die auf Rang 1 und 2 der aktuellen Umfragen rangierenden Parteien sind es weniger. Seit Monaten versuchen Union und Grüne, ihre ungeklärten Personalfragen als Fantasie beflügelnde Duelle zu verkaufen. Parteistrategen argumentieren gerne, eine Kanzlerkandidatur verliere über zu lange Zeit ihren Reiz – allmählich beginnt aber auch die Phase, in der unerklärte Kandidaturen zu nerven anfangen.

Nun naht die Entscheidung wirklich. Die Umweltpartei hat mit dem 19. April ein Datum genannt, an dem die K-Frage entweder mit Annalena Baerbock oder Robert Habeck beantwortet wird. Das Parteichefduo hat die internen Widersprüche so geschickt zu übertünchen gewusst, dass es aus einer Position der Stärke heraus agieren kann. Die politische Konkurrenz wettet dabei fast einhellig auf Baerbock.

Die demoskopisch starken Grünen lassen mit der Terminankündigung ausgerechnet die ordnungsliebende Union, ohnehin Opfer eines politischen Schwächeanfalls, zusätzlich als Chaostruppe erscheinen. Ihr Prozedere zur Kandidatenfindung bleibt Gegenstand wilder Spekulationen. Es ist nicht einmal offiziell, ob neben CDU-Chef Armin Laschet auch sein CSU-Pendant Markus Söder mit im Rennen ist. Bayerns Ministerpräsident kokettiert gerne mit der Macht in Berlin – ob er sie tatsächlich will oder ob er nur den politischen Preis für einen Verzicht hochtreiben möchte, weiß alleine er.

Aller Häme zum Trotz, die sich zuletzt über Laschet ergossen hat und ihn alarmieren muss, bleibt Laschet der wahrscheinlichere Kanzlerkandidat der Union. Die CSU stellt das Vorschlagsrecht der größeren Schwesterpartei nicht infrage – Laschet scheint wild entschlossen, es wahrzunehmen. Dass ein offener Konflikt der Union schaden würde, weiß auch Söder. Zugleich ist in den CDU-Führungszirkeln bisher keine klare Absetzbewegung von Laschet erkennbar. Wohl sind Stimmen aus der zweiten Reihe vernehmbar, aber es bräuchte mehr, damit Söder sich gerufen fühlen könnte . Zudem wird der wohl beste Corona-Kommunikator ahnen, dass sein politisches Wirken viel stärker als bisher durchleuchtet würde, wenn er erst Kandidat wäre. Laschet hat die Prügel schon bezogen, ihm stünde die schwierige Aufgabe bevor, aus dem Tal seiner persönlichen Umfragewerte emporzusteigen.

All diese politischen Wahrscheinlichkeiten stehen gerade dieses Jahr unter einem zusätzlichen Vorbehalt. Die Pandemie wird ihre Spuren im Wahlergebnis hinterlassen, wie tief, weiß niemand. Genauso wenig lässt sich vorhersagen, ob eine Mehrheit dann eher auf den verlässlichen Scholz, die frischen Gesichter Baerbock und Habeck, den Mittler Laschet oder das Stimmungsbarometer Söder setzt. Nur muss jetzt schnell personelle Klarheit geschaffen werden, damit dieser Meinungsbildungsprozess beginnen kann.

Von Christopher Ziedler