Leitartikel

Corona als soziale Frage

Köln Mit dem Kölner Impfbus kommt etwas in Bewegung. Endlich spricht man offen darüber, dass das Coronavirus nicht alle Bevölkerungsgruppen gleichmäßig befällt. Das meint in diesem Fall nicht die Unterscheidung zwischen weniger gefährdeten Jüngeren und stark betroffenen Älteren – sondern stellt die Frage von Arm und Reich neu.

Die Bewohner ärmerer Viertel wie Köln-Chorweiler oder Mannheim-Hochstätt infizieren sich in der zweiten und dritten Welle viel häufiger als die in „besseren“ Gegenden. Das hat eine Untersuchung gezeigt, die von der Verwaltung der Domstadt unter wissenschaftlicher Begleitung erstellt wurde . Einige weitere Erhebungen deuten in die gleiche Richtung. Es ist also höchste Zeit, dass gehandelt wird, wo das Infektions- und Sterberisiko am höchsten ist. Neue Daten des baden-württembergischen Sozialministeriums deuten zudem an, dass in diesen Gegenden die Impfquote geringer ist.

Zunehmend wird also mit verlässlichen Zahlen belegt, was lange Zeit nur vermutet wurde. Bisher zählten Landräte und Klinikbetreiber eher „ausländisch“ klingende Namen auf Infiziertenlisten und Intensivstationen . Dass sie ihre Erkenntnisse nur zögerlich mit der Öffentlichkeit teilten, ist nachvollziehbar und hat doch zur Sprachlosigkeit beigetragen. Um nicht ausländerfeindliche Vorurteile zu befeuern, haben Politiker, Gesundheitsexperten und weite Teile der Gesellschaft lieber geschwiegen und so auf eine Debatte über die Umstände, die Infektionen begünstigen, verzichtet. Mittlerweile weißt man: Der Pass hat nichts mit der Infektion zu tun, die Anschrift sehr wohl. Wer beengt wohnt, nicht ins Homeoffice wechseln kann und mit Bus und Bahn unterwegs ist, hat ein höheres Infektions- und in der Folge auch Sterberisiko: Corona als soziale Frage, Armut als wahrer Treiber der Pandemie. Endlich spricht man über genau diese Faktoren.

Im langen, schweren Coronawinter machten sozial Schwache offenbar den größten Anteil jener rund 20 000 Menschen aus, die sich in Deutschland jeden Tag nachweislich neu infizierten und von denen man sich lange gefragt hatte, wer sie eigentlich sind . Darauf hatten weder das Robert-Koch-Institut noch der Gesundheitsminister Jens Spahn jemals eine Antwort – dafür aber die örtlichen Gesundheitsämter, mit deren Daten Analysen wie in Köln oder die für Mittwoch angekündigte Auswertung des Infektionsgeschehens in Stuttgart möglich werden. Noch besser ist es, wenn daraus konkrete Maßnahmen wie der Kölner Impfbus oder die Impfaktion in Mannheim folgen.

Hätte man schon früher handeln müssen? Fraglich ist, ob etwa mobile Aufklärungsteams ähnlich sinnvoll gewesen wären. Sie hätten vermutlich nur einen Bruchteil der Betroffenen erreicht und deren auch unter Pandemieaspekten prekäre Lebensumstände nicht ändern können. Dass nun zunehmend Impfteams zu den besonders Schutzbedürftigen reisen , ist dagegen unbedingt zu begrüßen und erinnert an die ersten Impfungen in Alten- und Pflegeheimen. Leider scheint man erst jetzt bereit, die sozial Schwachen als Zielgruppe der Anti-Corona-Maßnahmen eigens in den Blick zu nehmen. Wäre das früher gelungen, hätte man nicht nur Menschenleben gerettet, sondern auch viele Infektionen und manche Lockdown-Woche verhindert.

Dieses Versäumnis hat auch mit der Sprachlosigkeit zu tun, die durch Datenmangel bedingt und durch das Bemühen um politische Korrektheit verstärkt wurde. Wirklich gewonnen wäre allerdings nur dann etwas, wenn die von der Pandemie neu gestellte soziale Frage auch dann noch diskutiert wird, wenn längst alle geimpft sind – ob in Köln, Mannheim, Stuttgart oder anderswo.

Von Jan Georg Plavec