Leitartikel

Ungewissheiten und Umbrüche

Armin Käfer

Stuttgart Vorweg ist landläufigen Klischees zu widersprechen: Dieser Wahlkampf war weder inhaltsarm noch langweilig oder übertrieben konfrontativ. Inhaltsarm kann ihn nur nennen, wer sich überhaupt nicht für Wahlprogramme interessiert. Die bieten viel Politlyrik, aber auch eine sehr große Bandbreite von Konzepten etwa zur Klima- und Sozialpolitik. Schon die diversen Volten, die wiederholt wechselnden Favoriten sprechen gegen Langeweile. Die wird nur empfunden haben, wer Politik mit einer Netflix-Serie verwechselt, die im Halbstundentakt neue Gags bieten muss.

Es steht vielerlei zur Wahl: von Autobahnen mit Tempo 130 bis zur Vermögenssteuer. Wenn Unterschiede deutlich werden zwischen Parteien, die am liebsten mit beiden Händen Geld ausgeben würden, und anderen, die sich an die Schuldenbremse klammern, als sei es der letzte Fixpunkt ihrer Identität, ist das ein harter Kontrast. Aber Kontraste ergeben noch keine Konfrontation. Angela Merkels apolitische Sie-kennen-mich-Kampagnen lassen alles als konfrontativ erscheinen, was nicht nach Umarmung aussieht. Schon vergessen, wie Schröder 2005 giften konnte, wie ein Kanzlerkandidat Strauß die Republik entzweit hat?

Schmutzig war dieser Wahlkampf in der virtuellen Halbwelt – wie kaum anders zu erwarten. Wahlkämpfe sind keine philosophischen Diskurse, in denen nur große Menschheitsfragen erörtert werden. Es geht meist um handgreiflichere Themen: persönliche Schwächen, unvorteilhafte Bilder, verpatzte Auftritte, Animositäten (auch zwischen Parteifreunden) oder Leichen im Keller (etwa des Finanzministeriums).

Nun ist der Wahlkampf vorbei. Wir stehen vor Tagen voller Ungewissheiten, einer Zeit der Umbrüche. Die Umfragenspiegeln ein Stimmungsbild, das keine eindeutigen Rückschlüsse auf die Person zulässt, die ins Kanzleramt einziehen wird. Der Vorsprung der SPD vor der Union ist eine Sensation für sich, liegt aber im Bereich der Fehlertoleranz. Am Wahlabend kann es auch anders aussehen.

Wer auf Platz eins landet, mag sich für den Wahlsieger halten – ob er am Ende regieren wird, ist damit nicht ausgemacht. Auch der zweite Platz taugt unter Umständen zum Sprungbrett auf den Chefsessel der Bundesregierung. Dafür gibt es prominente Präzedenzfälle: Willy Brandt und Helmut Schmidt. Die Palette an Koalitionsmodellenist größer denn je. Wenn das Wahlergebnis am Sonntagabend vorliegt, beginnt nur eine neue Etappe im Kampf um die Macht.

So oder so markiert diese Wahl einen Umbruch, egal wer letztlich obsiegt. Es ist die erste Wahl seit Bestehen der Bundesrepublik, die unausweichlich zu einem Machtwechsel führen wird. Nun läuft der Countdown, bis Merkel ihren Schreibtisch räumt. Das Parteiensystem durchlebt einen Strukturwandel. Zwei werden wohl nicht mehr reichen, um eine Regierung zu bilden. Damit wachsen die Risiken von Instabilität.

Die SPD lernt eine neue Richtung kennen: den Aufwärtstrend – auch wenn offenbleibt, ob er zur Rampe ins Kanzleramt taugt. Die Union blickt dem mutmaßlich schlechtesten Wahlergebnis ihrer Parteihistorie entgegen – selbst wenn es für sie überraschend gut laufen sollte. Eine einzige Option kann sie vor einem regelrechten Umsturz bewahren: die reale Aussicht, das Kanzleramt verteidigen zu können. Ansonsten wäre Armin Laschet Geschichte. Ohne Macht ist eine Machtmaschine, als die sich die Union immer verstanden hat, dringend reparaturbedürftig, wenn nicht gar schrottreif.

Für einen spannenden Wahlabend ist also gesorgt – spannender als viele Netflix-Serien. Bleibt nur noch eines: Wählen gehen!