Leitartikel

Der Herbst des Patriarchen

Reiner Ruf

Stuttgart Der Ausgang der Bundestagswahl wird Folgen auch für Baden-Württemberg nach sich ziehen. Wie weit sie reichen, hängt davon ab, welche Regierung sich schlussendlich in Berlin zusammenfindet. Eine Ampelkoalition könnte das Ende der Ära des Ministerpräsidenten Winfried Kretsch­mann einläuten.

Wieso das? Die Grünen im Südwesten bekommen anschaulich vor Augen geführt, dass es besser, weil risikoärmer ist, den Generationenwechsel an der Regierungsspitze nicht mit der Parlamentswahl zu verbinden. Angela Merkel hat sechzehn lange Jahre regiert, sie scheidet als Politikerin mit hohem Ansehen aus dem Amt – obwohl oder gerade weil viele Probleme liegen geblieben sind, deren Lösung vielleicht nicht so populär gewesen wäre. Hat der CDU der Merkel-Bonus etwas gebracht bei der Wahl? Nein. Wähler wählen die Zukunft, nicht die Vergangenheit. Davon hatte die CDU ausweislich des Wahlergebnisses zu wenig im Angebot. Nach Armin Laschet als Kanzler sehnen sich nur sehr, sehr wenige Menschen in Deutschland.

Es ist nicht auszuschließen, dass ein ähnliches Schicksal auch die Grünen im Land ereilte, würde Kretschmann die volle Wahlperiode durchmachen. Ein Ministerpräsidenten-Wechsel auf der Strecke eröffnete dem Nachfolger Profilbildung im Amt. Doch da wird die Sache bereits kitzlig. Ein solches Verfahren der Thronfolge brächte die Landtagsfraktion machtpolitisch in die Vorhand – und damit deren Vorsitzenden Andreas Schwarz. Der Mann ist gründlich, aber bieder. Er muss davon ausgehen, dass sich in der Partei etliche ein schnittigeres Nachfolge-Modell wünschen. Die Anlagen dazu hätte der neue Finanzminister Danyal Bayaz, doch der braucht Zeit, um sich in eine solche Rolle einzufinden. Noch wissen die Grünen nicht, wie sie den Übergang regeln. Das Thema war bisher tabu. Das wird sich jetzt ändern. Die Büchse der Pandora ist geöffnet.

Damit nicht genug. Das überschaubare Wahlergebnis der Grünen ist für Kretsch­mann besonders bitter. Die politische Konkurrenz zieht bereits den Schluss, der Klimawandel beschwere die Leute doch nicht so sehr. Eine Weile hatte es so ausgesehen, als gelänge es den Grünen, das Thema mehrheitsfähig zu machen. Der überzeugte Klimaschützer Kretschmann und der versierte Machtpolitiker Kretschmann hätten zueinandergefunden und wären endlich eins geworden. Als Ministerpräsident lebt er seit zehn Jahren den Grundsatz, dass regieren heißt, Politik für die Mehrheit zu machen. Der Machtpolitiker Kretschmann weist den Klimaschützer Kretschmann in seine Schranken. Dafür führt er sich als besserer CDU-Regierungschef auf. Er redet wie ein solcher, und er gibt sich wie ein solcher. Das sicherte ihm die Macht, führt aber dazu, dass Baden-Württemberg vielleicht der Ambition nach ein Modell für ökologische Politik ist, weniger indes nach der Faktenlage.

Sollte es dazuhin zu einer Ampelkoalition und einem Kanzler Olaf Scholz kommen, wird es ernst für Kretschmann. Er mag Scholz nicht, er hält ihn für arrogant und schnöselig. Süddeutsches Schwerblut stößt auf einen kühlen Hanseaten. Vor allem stellt sich die Frage, ob die CDU die Doppelrolle verkraftet, in Berlin (mit der AfD im Nacken) gegen eine Bundesregierung zu opponieren, in der die Grünen vertreten sind, in Stuttgart aber mit ebendiesen Grünen gemeinsam zu regieren. Kretschmann stünde zwischen den Fronten, seine Regierung wäre latent gefährdet. Seine einsame Entscheidung, im Land mit der CDU weiterzumachen, erwiese sich nachträglich als Fehlspekulation. „Es kommen härtere Tage“, heißt es in Ingeborg Bachmanns Gedicht „Die gestundete Zeit“.