Kommentar

Flick flickt

Oskar Beck

Über Hansi Flick liest und hört man dieser Tage nur Gutes. Fünf Spiele, fünf Siege, die Sympathiewerte des neuen Bundestrainers rauschen durch die Decke. Nur eines spricht im Vergleich mit seinem Vorgänger gegen ihn: Optisch und modisch war Joachim Löw besser.

Jogi war ein Hingucker, der bestaussehende, bestfrisierte und bestgekleidete Nationaltrainer, den wir je hatten, der „Nivea“-Mann aus der Werbung, mit auf Taille geschnittenen Designerhemden und bei heiklen Spielen einem blauen Glückspulli aus Kaschmir. Nach den jüngsten Siegen gegen Rumänien und Nordmazedonien hätte Löw perfekt zu der in einen topschicken Langmantel gehüllten RTL-Moderatorin Laura Papendick und deren Experten Lothar Matthäus gepasst, der als ausgewiesene Stilikone mit einem atemberaubenden Schal am Hals Modell stand für seine alte Philosophie: „Der Gürtel muss zu den Schuhen passen.“

Mit Hansi Flick ist so eine Modenschau am Mikrofon nicht zu machen. Der Neue ist eher der Sepp-Herberger-Typ, Strickpullover mit Reißverschluss, jedenfalls kommt er völlig untailliert direkt von der Trainerbank, richtet sich vor dem Interview nicht einmal die Frisur und sagt dann ungeschminkt Dinge wie: „Die Zuschauer sind mitgegangen. Das war genau das, was wir gewollt haben.“

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Die Fans lachen wieder, sie freuen sich wieder. Sie haben letzten Freitag in Hamburg sogar bei der Halbzeit noch gelacht, dabei stand es 0:1 gegen Rumänien, die Nummer 42 der Weltrangliste. Nummer 43 ist Katar. Aber kein Hanseat im Stadion hat gepfiffen, sondern honoriert, dass die da unten Gras fressen und alles geben. Und dass da jetzt ein Trainer auf der Bank hockt, notfalls aufspringt und jederzeit bereit ist, sich für den Sieg sogar die Frisur zu ruinieren. Thomas Müller, sein verlängerter Arm und Altstar auf dem Feld, hat dieses neue Gefühl des Publikums hinterher so beschrieben: „Man hat die Verbindung gespürt, wir haben das auf dem Spielfeld sehr genossen. Als das 2:1 fiel, war das wie eine kleine Explosion.“

Man hat da in Hamburg Bilder der inneren Befreiung erlebt, wie man sie von Länderspielen gar nicht mehr kannte. Die fröhliche Stimmung war so ansteckend, dass sich im DFB-Impfbus vor dem Uwe-Seeler-Bronzefuß am Volksparkstadion 200 Fans freiwillig eine Spritze setzen ließen, darunter womöglich sogar diverse Schräg- und Querdenker. Scharenweise genießen die Spieler wieder das Bad in der Menge, der Bundestrainer posiert für Selfies, und der Sachverständige Matthäus jubelt ohne Rücksicht auf die vielen Unzulänglichkeiten und Defizite im Spiel durch seinen Schal: „Die Art und Weise begeistert mich, und nicht nur mich, auch die Fans. Sie haben wieder Gier auf diese Mannschaft, das hat gefehlt in den letzten Jahren.“

Leere Sitzschalen pfeifen nicht

Die alte Stimmung will der DFB jetzt ganz schnell vollends hinter sich bringen. Am 11. November wird Jogi Löw offiziell verabschiedet, in der Volkswagen-Arena in Wolfsburg, also im betont kleinen Kreis. Denn in Wolfsburg, so behaupten es böse Zungen, müssen die Zuschauer eigentlich bezahlt werden, damit sie zum Fußball kommen, und an dem Abend heißt der Gegner auch noch Liechtenstein, herzlichen Glückwunsch. Löw droht zum Abschied die Atmosphäre eines Geisterspiels. Andererseits: Leere Sitzschalen können nicht pfeifen.

Aber so schlimm wird es nicht kommen, dafür hat Löw für den deutschen Fußball zu Großes geleistet, als er noch jung und rüstig war. Aber vor allem sind die Fans wieder gut gelaunt und beseelt von der Gnade der Aufbruchstimmung. Noch ist nicht alles Gold, was da wieder blitzt, aber sie sehen einen anderen Biss und Willen sowie einen Bundestrainer, der sich auf der Bank heiser schreit und die Hoffnung in ihnen weckt, dass sie sich irgendwann wieder Fähnchen ins Autofenster klemmen und aus schwarzrotgold bemalten Backen „We are the Champions“ singen. Stattdessen haben sie jahrelang nur noch „Wir ham’ die Schnauze voll“ grölen dürfen, vom WM-Flop 2018 über das 0:6 in Spanien bis zum 1:2 im Hinspiel gegen Nordmazedonien. Nach dem Sechserpack in Sevilla sudelte im Namen aller eine Spottgosche ins Internet: „Jogi Löw erkennt die Niederlage nicht an und fordert eine Neuauszählung der Tore.“ Trump-Humor. Galgenhumor. Jedenfalls hat der Spaß irgendwann aufgehört.

Der neue Bundestrainer pumpt jetzt wieder Luft in den platten Reifen. Flick flickt, und wie das geht, weiß er aus seinen Pioniertagen als Hexer und Handaufleger beim FC Bayern: Leistung beginnt mit L, wie Lust, Leidenschaft und Lewandowski. Einen Lewandowski hat er jetzt nicht mehr, es ist auch weit und breit kein eiskalter Strafraumkiller im Anmarsch, und diesen Mangel muss Flick irgendwie ausgleichen. Die deutsche Mannschaft spielt deshalb gelegentlich direkter und schneller denn je – beim Führungstor in Skopje konnte man diesem Fußball und dem Zackzackangriff von Gnabry über Müller zu Havertz mit dem bloßen Auge gar nicht mehr folgen.

Gemütlich? Das war einmal

Die Entwicklung verläuft diesbezüglich rasant. Schon vor Jahren hat Jogi Löw den Trend zum Tempo anhand wissenschaftlicher Forschungen so beschrieben: „2005 dauerte es von der Ballannahme bis zum Abspiel noch 2,8 Sekunden. Bei der EM 2008 haben wir uns auf 1,8 Sekunden verbessert, und bei der WM 2010 in Südafrika kamen wir gegen England und Argentinien sogar auf Werte von unter einer Sekunde.“ Annehmen, schauen und gemütlich weiterspielen, das war mal – heute jongliert Müller, wie jetzt vor dem 2:0, den Ball mit der hohen Hacke an Werner schon weiter, noch ehe er ihn überhaupt hat.

Das führt manchmal zu überhasteten Fehlern, die Toni Kroos früher kaum einmal unterlaufen sind. Als Querpass-Toni hat der das Spiel immer beruhigt und kroos und breit gemacht, und 98 Prozent seiner Pässe kamen an. Aber wenn man heute die Rumänen oder Nordmazedonier mit ihrer Fünferkette und der Viererkette davor knacken will, schafft man das nur mit kurzen Ballkontakten, auf Neudeutsch gesagt mit One-Touch-Fußball. Auch gegen Nordmazedonien waren die Nachteile und Nebenwirkungen unübersehbar, wieder kam es zu grässlichen Ungenauigkeiten und Fehlpässen. Aber wichtig ist, dass die Mannschaft wieder brennt.

Wichtig war vor allem der Sieg. Denn andernfalls müsste der Kolumnist hier sofort alles zurücknehmen, was er soeben geschrieben hat, und stattdessen bruddeln und nörgeln: Um gegen Nordmazedonien zu verlieren, hätten wir nicht extra Hansi Flick holen müssen – dafür hat auch schon die hundsmiserable Stimmung unter Jogi Löw genügt.





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