Leitartikel

Deutsches Datendesaster

Jan Georg Plavec

Stuttgart Vor zehn Jahren diskutierte Deutschland, ob Großprojekte wie „Stuttgart 21“ noch möglich seien. Nachdem das mit Jein beantwortet wurde, richtet sich der fragende Blick auf weniger komplexe Dinge wie Impfquoten oder Meldeketten, bei denen das Faxgerät eine zentrale Rolle spielt. Schafft unser System eine stabile Grundlage zur Bekämpfung der Pandemie?

Bereits im August hat das Robert-Koch-Institut (RKI) im Bericht zu seiner Covimo-Befragung darauf hingewiesen, dass womöglich mehr Erwachsene als bislang bekannt gegen das Coronavirus geimpft sind. Damals interessierte das eher am Rande. Jetzt sind auch laut der neuesten Befragungmehr Menschen geimpft als vom RKI in der Impfquote angegeben – und alle regen sich auf. Ist die Empörung gekünstelt?

In einer Pressemitteilung weisen das RKI und sein Präsident Lothar Wieler darauf hin, dass sie über die Thematik ja schon im August berichtet hätten. Im Zweifel seien die Ärzte schuld, die Impfungen nicht melden. Damit hat Wieler recht. Er nennt allerdings nicht den politisch Verantwortlichen – Gesundheitsminister Jens Spahn, der die Meldepflicht in der Impfverordnung verankert hat und dem auch das RKI untersteht. Wieler verliert auch kein Wort darüber, dass die von ihm geleitete Bundesbehörde sich natürlich auch um das Funktionieren solcher Meldesysteme kümmern muss. Und er deutet die bisher als hartes Faktum berichtete Impfquote kurzerhand zum Mindestwert um.

Der konkrete Aufhänger mag aus fachlicher Sicht beliebig wirken. Trotzdem kommt die Diskussion über Daten und Methoden zur rechten Zeit. Es fehlen ja nicht bloß einige Hunderttausend Geimpfte in der Statistik, obwohl schon das Grund zur Beunruhigung ist. Wenn das RKI zweimal die errechnete Impfeffektivität wegen methodischer Mängel nach unten korrigiert, kratzt das bei genauerem Hinsehen weniger am Nutzen der Impfungen im Kampf gegen Corona. Es ist aber genau der Stoff, den Verschwörungstheoretiker, Impfgegner und andere Schwurbler benötigen, um Zweifel zu säen. Dass das Institut solche Korrekturen nicht aktiv kommuniziert, sondern einigermaßen gut in seinen Wochenberichten versteckt, passt für diese Community nur zu gut ins Bild.

Man darf gespannt sein, ob im Zuge einer weiter wahrscheinlichen vierten Infektionswelle im Herbst auch der neue Leitwert, die Hospitalisierungsinzidenz, in den kritischen Blick der Öffentlichkeit gerät. Recherchen fast aller relevanten Medien haben mittlerweile bewiesen,dass diese Kennziffer viel zu spät anschlägt. Tatsächlich werden fast doppelt so viele Menschen mit Covid-19 ins Krankenhaus eingeliefert, wie das RKI derzeit tagesaktuell angibt.

Das Problem ist dem Institut bekannt – und es ändert trotzdem nichts an der Rechenmethode. In der Konsequenz bedeutet dies, dass mögliche Einschränkungen im Herbst oder Winter später kommen, weil die von den Bundesländern reichlich hoch angesetzten Grenzwerte kaum gerissen werden. Das mag den einen oder anderen freiheitsliebenden Menschen freuen. Gesundheitspolitisch ist es einfach nur fahrlässig.

Das Robert-Koch-Institut darf sich jetzt nicht mehr wegducken. Gut, dass Jens Spahn bald nicht mehr Gesundheitsminister ist – freiwillig hätte er, obschon für das Datendesaster verantwortlich, sicher nicht das Feld geräumt. Ob allerdings der neue Gesundheitsminister alles besser macht, ist ebenfalls fraglich. Karl Lauterbach hat das RKI und seinen Präsidenten pauschal in Schutz genommen. Kann Deutschland Impfquote und Meldekette? Auch hier ist die Antwort, bis auf Weiteres: Jein.