Fünf Minuten Pop

Warm ums kalte Herz

Ingmar Volkmann

Der November ist ein guter Monat, um sich mit der eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen. Pünktlich zum 1. November macht sich Jahr für Jahr eine Finsternis breit, die durch Allerseelen, Volkstrauertag und – als Höhepunkt der Leichtigkeit – Totensonntag inhaltlich untermauert wird. Und spätestens um 17 Uhr wird es an jedem Novembertag dunkel.

Wer den Wonnemonat November so richtig auskosten will, sollte einen der Stutt­garter Friedhöfe besuchen. Auch wenn die amerikanischen Hobbymeteorologen von Guns ’N’ Roses in ihrem Stück „November Rain“ „And it’s hard to hold a candle / In the cold November rain“ warnen: Der kalte Novemberregen mache es nicht einfacher, sich an einer brennenden Kerze festzuhalten.

Wie gut, dass es Bücher gibt, an denen man sich in diesem Düstermonat festhalten kann. Der Publizist und Philosoph Björn Vedder hat kürzlich eines herausgebracht mit dem Titel „Reicher Pöbel“. In diesem Werk stehen viele gute Sätze, zum Beispiel: „Von der Mutter lernen wir zu leben. Vom Vater lernen wir zu sterben.“ Sterbenlernen beinhalte laut Vedder die Erkenntnis über das eigene Verfallsdatum. Nur dann könne man das eigene Leben sinnvoll gestalten.

Der Dichter Wilhelm Hauff hat einiges aus seinem kurzen Leben gemacht. Hauff hatte einen literarischen Output, der sich diametral zu seiner Lebenszeit verhält. Der Schriftsteller wurde nur 24 Jahre alt. Begraben liegt das Novemberkind – Hauff wurde am 29. November 1802 geboren und starb am 18. November 1827 – auf dem ältesten noch erhaltenen Friedhof Stuttgarts, dem Hoppenlaufriedhof hinter der Liederhalle. 1626, zur Pestzeit, wurde diese letzte Ruhestätte angelegt. Noch im 18. Jahrhundert lag sie ein Stück vor der Stadt.

Wenn es einem – passend zum düsteren Monat – mal wieder etwas kalt ums Herz wird, sollte man zu einer wärmenden Pilgerreise an Hauffs Grab aufbrechen. Vorher sollte man aber unbedingt mal wieder dessen Märchendichtung „Das kalte Herz“ lesen. Wie jedes Kind weiß, treiben die Fabelwesen, die Hauff beschreibt, das hilfsbereite Glasmännlein und der nicht ganz so nette Holländer-Michel, ausschließlich im Schwarzwald ihr Unwesen. In Stuttgarter Wäldern sind sie hingegen vollkommen machtlos. Da haben andere Waldgeister das Sagen.

Deshalb kann man sich auch getrost durch Heslacher Wälder wagen, bis zum Waldfriedhof spazieren und von dort aus weiter zum Dornhaldenfriedhof. Bisher hatten Robert Bosch, Theodor Heuss und all die anderen, die dort liegen, ihre Ruhe vor der Geschwätzigkeit der Zeit. Zwischen Sonnenberg und Süd brach verlässlich der Handyempfang ab. Nun wurde pietätlos zwischen beiden Friedhöfen ein Sendemast errichtet. Zum Glück ist es im November so düster, dass man das unschöne Teil kaum sieht.






So klingt das neue Abba-Album „Voyage“

Björn Springorum

Schon kurios: Für eine Band, die die Popmusik maßgeblich geprägt hat, haben Abba erstaunlich wenig von ihr mitbekommen. Wenn wir etwa mal grob vereinfachend von 60 Jahren Pop ausgehen, haben Abba allein die letzten 40 davon nicht existiert. Und von den 20 davor gerade mal zehn Jahre, genauer gesagt von 1972 bis 1982.

Dennoch ist ihr Einfluss auf Musik, Mode und Kultur fast nur mit dem der Beatles zu vergleichen. Entsprechend groß das Bohei um das Comeback einer Band, die es 40 lange Jahre nicht gab. Die so ziemlich jeden Trend seit Schulterpolstern und Haarspray nicht mehr mitgemacht hat. Und dennoch die ganze Zeit spürbar war. Denn die Musik der ehemaligen Paare Agnetha Fältskog und Björn Ulvaeus sowie Benny Andersson und Anni-Frid Lyngstad, hat längst ein Eigenleben entwickelt.

Über 400 Millionen verkaufter Platten, das unverschämt erfolgreiche Musical „Mamma mia“ samt zweier Hollywood-Filme, Solokarrieren, Museen, Restaurants – was 1974 mit „Waterloo“ beim Eurovision Song Contest begann und 1982 in Tränen und einer Schlammschlacht mündete, entwickelte sich zum millionenschweren Weltkonzern.

Irgendwas fehlte aber anscheinend noch. Irgendein Grund, A, B, B und A wieder zusammenzubringen. Lange schon sprach Benny Andersson von neuen Songs, die angeblich längst fertig seien. Passiert ist eine gefühlte Ewigkeit nichts. Dann waren sie plötzlich da, die neuen Stücke „I still have Faith in you“ und „Don’t shut me down“. Fast schon surreal war das. Ihnen folgt mit „Voyage“ jetzt tatsächlich ein Album, an das eigentlich niemand mehr geglaubt hatte.

Dennoch weigert sich Andersson hartnäckig, von einem Comeback zu sprechen. „Ist schon eine ganze Weile her, dass wir das letzte Mal gemeinsam Musik gemacht haben“, so ließ er verlauten. „Knapp 40 Jahre, um genau zu sein. Im Frühjahr 1982 haben wir uns eine Auszeit genommen, und jetzt haben wir den Entschluss gefasst, diese Auszeit zu beenden. Man sagt uns, es sei ziemlich töricht, gut 40 Jahre zwischen zwei Alben verstreichen zu lassen, also haben wir einen Nachfolger zu ‚The Visitors‘ aufgenommen.“

Wenn das eine Auszeit war, dann war es die mit Abstand längste in der gesamten Musikgeschichte. Doch in einem Punkt hat er recht: „Voyage“ klingt, als wäre es ungefähr ein Jahr nach „The Visitors“ erschienen, dem 1981 erschienenen, vorerst letzten Abba-Album. Es ist alles da: die Gesangsharmonien von Agnetha Fältskog und Anni-Frid Lyngstad, die schwedisch-melancholischen Melodien, die perlenden, himmelwärts strebenden Refrains und diese schunkelige Rhythmusart, die viele Songs in Bierzeltgefilde rücken würde, wären sie nicht so oft in skandinavisch-wohliges Moll getunkt.

Abba tun also einfach so, als wären die Madonnas, Lady Gagas und Billie Eilishs zwischendrin gar nicht passiert. Sie radieren die letzten 40 Jahre erfolgreich aus und haben mit „Just a Notion“ sogar einen Song auf ihr neues Album gepackt, der schon 1978 entstand – also zwischen „Abba – The Album“ und „Voulez-Vous“. „Weshalb wir dieses Stück damals ausgeklammert haben? Rückblickend muss ich sagen, dass ich keinen blassen Schimmer habe“, so Björn Ulvaeus. „Es ist ein toller Song mit großartigen Gesangsparts. Insofern ist es ein Rätsel – und wird wohl auch ein Rätsel bleiben.“

Ein Rätsel ist auch die Anziehungskraft, die Abba immer noch haben. Sie schaffen es mit einem hoffnungslos anachronistischen, oftmals melodramatischen, gerne kitschigen Album, eine Hysterie loszutreten, wie sie sonst der Generation Z vorbehalten ist. Allein in Großbritannien wurden in den ersten drei Tagen nach der Albumankündigung mehr als 80 000 Vorbestellungen registriert. Das haben nicht mal die Beatles oder Oasis geschafft.

Zurecht? Das lässt sich bei diesem Gigantismus an Erfolg, Einfluss und Vermächtnis kaum erfassen. Schon im Opener „I still have Faith in you“ fragt sich Anni-Frid Lyngstad: „Do I have it in me?“ – hab ich es noch drauf? Und man stellt fest: Ja, das hat sie. Ja, das haben sie alle. Abba hatten schon in den Siebzigern das große Talent, sagenhaft zeitlose Songs zu schreiben. Das tun sie noch immer. Abba vermessen ihren eigenen Kosmos, sehen es gar nicht ein, sich dem Zeitgeist anzubiedern. Sie sind ihre eigene Zeitrechnung, ihr eigener Taktgeber, ihre größte Inspiration.

Deswegen funktionieren schillernde Pophymnen wie „Keep an Eye on Dan“ auch immer noch so gut. Weil sich Abba einfach auf das besinnen, was sie am besten können. Und da macht ihnen eben bis heute niemand was vor. Das böse Blut, das es zwischen ihnen gab, scheint getrocknet. Zumindest äußerlich. „Was für eine riesige Freude das war, endlich wieder mit der Gruppe zu arbeiten“, gibt sich Anni-Frid Lyngstad versöhnlich. „Ich bin so glücklich über das, was wir da erschaffen haben, und ich hoffe sehr, dass unsere Fans das auch so sehen werden.“

Sagen wir es mal so: Bei wenigen anderen Bands dürfte Geld eine derart nebensächliche Rolle gespielt haben wie bei diesem Comeback.