Kommentar

Unterstützung von allen Seiten gefragt

Christine Bilger

Es geht schon seit Jahren so, und es hört einfach nicht auf: Wieder und wieder schlagen Telefonbetrüger zu und bringen ältere Menschen um ihr Erspartes. Das kann im Zweifelsfall die Summe sein, die für den eventuellen Pflegefall zurückgelegt war. „Das bereitet uns zurzeit sehr großes Kopfzerbrechen“, sagt auch Rüdiger Winter, der Chef der Stuttgarter Kripo. Im zurückliegenden Monat Oktober machten die kriminellen Anrufer mit den Maschen falscher Polizist und Schockanruf rund eine Million Euro Beute in Stuttgart.

Zwei Reaktionen kommen dann oft, und beide sind falsch. Die erste ist sogar auch noch gemein. „Wie kann man darauf reinfallen, das stand doch schon zigmal in allen Zeitungen?“ Wer das sagt, weiß nicht, mit welch miesen Tricks die Anrufer ihre oft betagten Opfer bearbeiten und so durcheinanderbringen, dass diese am Ende nur einen Ausweg sehen: Sie zahlen. Aus Angst, aus Verunsicherung, aus Einsamkeit, weil ihnen niemand zur Seite steht. Die Täterrufen im Minutentakt an, belegen alle Leitungen, werden ausfallend und beleidigend und verunsichern so die Angerufenen.

Die zweite Reaktion ist oft: „Warum tut da niemand was dagegen?“ Die Polizei tut, was sie kann. Die Banden auszuhebeln, das ist von Deutschland aus so gut wie nicht möglich. Die Hinterleute sitzen im Ausland. Wenn hier jemand festgenommen wird, sind das meist nur kleine Fische. Also muss die Polizei alles daransetzen, den Tätern das „Geschäft“ zu vermiesen. Das geht über die Aufklärung der potenziellen Opfer, und so viele wie möglich im Umfeld müssen mitziehen und Informationen verbreiten.

Viel Verantwortung liegt bei den Banken. Sie sind oft die letzte Instanz, die eine Tat noch verhindern kann, wenn der Täter das Opfer schon so mürbe hat, dass es zur Bank geht und Geld holt. Die Banken belegen, dass sie viel tun, damit das Personal an den Schaltern eingreifen kann – allerdings nur innerhalb enger Grenzen. Wie die Statistik der LBBW zeigt, klappt es jedoch in den meisten Fällen. Oft hilft es, die Personen kurz zur Seite zu nehmen und ein Gespräch zu führen. Also laufen in vielen Fällen auch die Vorwürfe in diese Richtung ins Leere.

Prävention ist in diesem Falle eine Aufgabe, die das gesamte Umfeld angeht. Die Schuld auf andere zu schieben hilft den Opfern nicht.










Schauplatz Stuttgart

Ein Gentleman der alten Disco-Schule wird 80

Uwe Bogen

An einem „nervigen Journalisten“ lag’s, warum der Killesberg vor 41 Jahren zu einer Großraumdisco nach Vorbild des New Yorker Studios 54 kam. Heute kann Gerd Schüler , Gründer des Perkins Park, der in seiner einzigartigen Karriere 111 Clubs und Bars betrieben hat, 13 davon in Stuttgart, offen darüber reden. Ein Redakteur der Motorpresse habe beim Opening seines Dorian Gray im Frankfurter Flughafen heftig mitgefeiert, erzählt der „Disco-König“, wie man ihn nannte – bei einer Party, dessen Gästeliste sich las „wie der Auszug aus Klatschkolumnen“ (so stand’s damals in der Zeitung).

Dieser Auto-Reporter also wollte so einen Nobelschuppen auch in seiner Heimat Stuttgart. Ständig habe er Immobilienvorschläge geschickt und damit genervt. „Beim verlassenen Parkrestaurant Killesberg konnten wir nicht widerstehen“, erinnert sich der frühere Rennfahrer, der mit seinem Kompagnon Michael Presinger einen Weg fand, mit wenig Kapital was Großes bei den Schwaben hinzustellen. „Wir haben Lieferanten gesagt, wenn ihr uns ein Jahr lang Getränke umsonst bringt, bekommt ihr einen Zehn-Jahres-Vertrag.“ So geschah’s – obendrein gab’s Kohle eines US-Tabakkonzerns, der mit einer neuen Marke in Deutschland landen wollte. Perkins hieß die Zigarette, die sich nicht durchgesetzt hat. Den Park, der nach ihr benannt ist, gibt’s noch heute – wenn auch nicht mehr unter der Regie von Schüler, der das Nachtleben revolutioniert hat, aber 2006 nach der Insolvenz raus war.

Die Ups and Downs der Gastronomie – keiner kennt sie gut wie der Mannheimer, der über seine Arbeitsstätten sagt: „Ich hab Stuttgart geliebt. Frankfurt ist international, oberflächlich – Stuttgart hat Tiefe.“

Aus Anlass seines 80. Geburtstags, den er mit Promis (klar, Roberto Blanco war auch dabei) im Airport-Club Frankfurt gefeiert hat, ist Großes geplant: Schüler arbeitet an einem Kunstband über sein Leben und die deutsche Partyszene. Die exklusiven Exemplare sind limitiert und kosten je 999 Euro. Titel: „Art of Entertainment“. Darin steht „Amouröses, Erotisches, Skurriles, Abartiges, Fröhliches“ – also Stuttgart ist mit drin.

In der ersten Perkins-Nacht im Dezember 1980 war die Farbe der Möbel noch nicht trocken, weshalb grüne Streifen auf Anzügen und Abendkleidern an eine wilde Party erinnerten, von der ganz Stuttgart sprach. Der Park hat’s geschafft, dass vier Jahrzehnte später der Partynachwuchs den Ort nicht scheut, an dem schon die Alten gefeiert haben. Früher wär das kaum möglich gewesen.

Schülers berufliches Leben verlief in Etappen. Erste Phase: Rennfahrer, der in den 1960ern bei Tourenwagen-Meisterschaften Triumphe feiert. Zweite Phase: Disco-Chef, der von 1968 bis 2006 immer Neues eröffnet. Dritte Phase: Nach dem Zusammenbruch des Gastro-Imperiums (das Dorian Gray in Frankfurt musste 2001 wegen des Brandschutzes schließen) weltweit Berater für Unternehmen in vielen Branchen. Die Phase Ruhestand ist bislang nicht dabei.

Auch das Amici geht auf Schüler zurück. „Wir haben einen Formel-1-Wagen von Michael Schumacher als Leihgabe außen an der Wand installiert“, erinnert er sich. Warum er als Gastronom nach so vielen Erfolgen am Ende gescheitert ist? „Wir haben uns zu sehr vergrößert, waren oft nicht hart genug.“ Das Bedürfnis nach Harmonie war wohl zu groß.

Der „größte Erfolg seines Lebens“, so der redegewandte 80-Jährige, der schlank, elegant und stilsicher als Gentleman ist, sei kein geschäftlicher, sondern ein privater. „Mein größter Erfolg ist, dass meine Frau Tamara bei mir geblieben ist, nach all dem, was ich ihr zugemutet habe“, sagt er. Über die frühere Untreue ihres Gerd spricht seine Frau inzwischen selbst vor TV-Kameras. Sie ist 73, er 80 – da muss man sich nichts vormachen.

Aus dem Krieg kam sein Vater nicht zurück. Gerd Schüler wuchs als Halbwaise auf, machte eine Kfz-Lehre in einem Autohaus in Mannheim. Der Sohn des Chefs, sein langjähriger Geschäftspartner Michael Presinger, wurde „damals noch im Kinderwagen an mir vorbeigeschoben“. Ihm verdankt Schüler viel. Der Ältere stand meist vorne im Scheinwerferlicht, der Jüngere machte dahinter die Arbeit. „Michael ist ein prima Typ“, lobt der 80-Jährige, der sehr zufrieden ist: „Ich hatte so viel Glück im Leben und bin gesund.“

Die Gesundheit führt er auf die richtige Ernährung zurück, die er als junger Mann nach einem Unfall begonnen hat, bei dem die Querschnittslähmung drohte. „Von da an hab ich auf meinen Körper geachtet.“ In den digitalen Zeiten ist Gerd Schüler froh, nicht mehr Clubs zu führen. Einst habe man noch den analogen Tanz unter der Discokugel zum Baggern gebraucht. „Heute befriedigt das Handy die Bedürfnisse“, sagt er, „nur den Koitus muss man noch selbst vollziehen, alles andere erledigt das Handy.“ Und wer unentwegt Selfies zum Posten in den sozialen Medien macht, verhält sich oft sonderbar.

Der Jubilar verrät, wie’s mit Claudia Schiffer und David Copperfield wirklich war, die sich in den 1990ern im Perkins Park fotografieren ließen, was als Trick zur Täuschung galt. Der Magier habe verlangt, dass ein Star bei seiner deutschen Show im Saal sitzt. Schüler vermittelte das Topmodel. „Sie haben sich wirklich ineinander verliebt“, betont er. Liegt’s an der Magie der Discokugel?