Leitartikel

Wo ist die Kandidatin?

Katja Bauer

Berlin Die CDU sucht nach einer neuen Spitze. Von diesem Samstag an wird es spannend, denn die Kandidaten dürfen ihr Interesse verkünden. Viel spricht dafür, dass die meisten Bewerber ein sehr ähnliches Profil haben werden: männlich, aus Nordrhein-Westfalen, schon mal erfolglos kandidiert. Vor allem eines sucht man bislang vergeblich – eine Frau, die ihren Hut in den Ring werfen möchte. Wenn das so bliebe, wäre es mit Verlaub in Richtung der Frauen gesagt, schwach.

Die Lage ist schlecht, aber klar. Die Partei hat ihr historisch schwächstes Ergebnis erzielt. Sie sucht nach Führung. Selbst in den eigenen Reihen hält sich die Euphorie angesichts der potenziellen Kandidaten in Grenzen. Die Oppositionsrolle zwingt die CDU, sich inhaltlich zu kalibrieren. Mit welchem Kurs kann sie zeigen, wie sie als Volkspartei der Zukunft so bald wie möglich wieder Verantwortung übernehmen will?

Es ist zwingend, die Union auch strukturell zu erneuern. Es könnte die Kraft entstehen, alte Zöpfe abzuschneiden. Aber der weibliche Teil der CDU droht, das Momentum verstreichen zu lassen.

Wenn man über die Rolle der Frauen in der Union spricht, findet sich stets ein Christdemokrat, der auf die Erfolge der Vergangenheit verweist: Die Partei hatte nun zwei Chefinnen, hat eine Rekordkanzlerin und eine EU-Kommissionspräsidentin hervorgebracht. Diese Argumentation ist problematisch. Nicht nur, weil ein stilles „Jetzt ist auch mal gut“ mitschwingt. Das Problem liegt darin, den Erfolg als Entlastungsargument fürs Nichtstun zu benutzen. Denn Merkel, Kramp-Karrenbauer, von der Leyen beweisen, dass die CDU in der Lage ist, herausragende Politikerinnen hervorzubringen.

Nur ändert das viel zu wenig am Status quo der Partei. Der Frauenanteil liegt bei 27 Prozent, der in der Fraktion darunter. In der Runde der Kreisvorsitzenden sind zwölf Prozent weiblich. Diese Lücke zeigt, wie schlecht die Voraussetzung ist, um in der Gesellschaft künftig gut verankert zu sein und Frauen sowie Junge zu überzeugen.

Die Frauen in der Partei wissen das schon lange. Und sie reiben sich mit einer Mischung aus Zähigkeit und Engelsgeduld in Arbeitskreisen und Kommissionen auf. Dort werden dann Forderungen in der Unsichtbarkeit verklappt – bisher jedenfalls. Seit Mitte 2020 liegt der Vorschlag einer großen Parteikommission vor, der eine Revolution fordert: die 50-Prozent-Quote in Führungsgremien, dazu familienfreundliche praktische Lösungen. Beschlossen wird das Papier nicht, sondern immer wieder auf die lange Bank geschoben. Auch wenn die Pandemie und der Wahlkampf die Situation verkompliziert haben, zeigt dieser Umgang vor allem, welche Priorität auf das Thema gelegt wird.

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Ähnliches war in den vergangenen Tagen zu beobachten, als die Frage der Erneuerung das Thema einer Doppelspitze aufs Tapet brachte. Das passe nicht zur Kultur der Partei hieß es. Was für ein lähmendes Dogma! Führungskultur hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Aber die Frauen begehrten nicht auf, Thema abgeräumt. Und nur, weil dieser Tage wohl Teams präsentiert werden: Nein, eine Generalsekretärin ist kein Teil einer Doppelspitze.

Wer seine Ziele in einer männlich dominierten Gruppe umsetzen will, muss sich mitunter an ihr orientieren. Geduld ist nicht immer gut. Vor allem sollte sie nicht als lahme Entschuldigung dafür dienen, keine blutige Nase zu riskieren. Manchmal geht es um ein klares Zeichen. Wer wagt, gewinnt nicht immer. Aber wenn Kandidaten unterliegen, wird es ihnen als Teil ihrer Profilierung angerechnet. Wo ist sie also, die Kandidatin?