Genuss-Sache

Alles Käse

Susanne Hamann

Die Uhren sind umgestellt, Zeit für eine weitere traditionell im Herbst anstehende, tiefgreifende Veränderung: Der Grill hat Pause, nun steht das Raclettegerät wieder im Mittelpunkt.

Für Gastgeber ist ein helvetischer Abend ideal: Man hat im Vorfeld wenig Stress (außer, wenn das Verlängerungskabel unauffindbar ist), muss nicht einsam in der Küche stehen und bekommt dennoch alle satt – auch die mit den absurdesten Ernährungsgewohnheiten oder schlimmen Unverträglichkeiten. Fleischesser freuen sich über Salami und Schinken. Für die diametral andersdenkende Fraktion gibt es veganen Käse. Dank eigenem Pfännchen kann jeder sein persönliches Ding machen.

Für ein klassisches Raclette braucht es nicht viel: ausreichend Käse – den Rest kann man ja einfrieren –, ein paar Beilagen. Eingelegte Essiggurken bringen Säure ins Spiel, Früchte wie Birne oder Ananas setzen süße Kontrapunkte. Dazu trinkt man einen trockenen Weißwein, den man möglichst nicht direkt neben die Apparatur stellen sollte – wegen der Wärmeabstrahlung.

Der zweite klassische Fehler: sich zu Beginn aus Hunger und Verzweiflung mit Brot und Pellkartoffeln vollstopfen. Esoterische Gäste versuchen dann, mittels Hypnose den Schmelzvorgang des Käses zu beschleunigen. Technisch Versierte kontrollieren derweil, ob das Gerät wirklich korrekt angeschaltet ist.

Sollte bei Tisch keine anständige Kommunikation zustande kommen oder das Gespräch in eine ungute Richtung abdriften, fragt man einfach laut nach dem Mais oder der Ananas oder sonst etwas, was am anderen Tischende steht, und lenkt so von kritischen Themen ab. Oder man maßregelt den Gatten, weil der wieder gefährlich hohe Doppeldecker-Türme aus zwei Scheiben Käse und Baguette baut, die ganz fies oben am Heißdraht anbacken. Das sollte aber vorher unbedingt abgesprochen sein, sonst herrscht hernach nicht nur wegen des Käsegestanks dicke Luft.




Dinger der Woche

Kürbisauflauf in der Wanne

Dies Woche leuchtete das ganze Land in sanftem Orange. Millionen physiognomisch zurechtgeschnitzter Kürbisse gossen bei den Feiern des Halloween-Fests ihr sakrales Licht aus. Sogar von der Weltraumstation ISS aus war das Schimmern zu sehen. Er habe angesichts der blindwütigen Begeisterung für entkerntes Gemüse wieder gemerkt, wie dünn der Firnis der Kultur und Vernunft unserer Zivilisation sei, meinte einer der Astronauten.

Der rituelle Gebetsruf „Süßes oder Saures“ führte aber auch zu Missverständnissen. Psychologen wiesen darauf hin, dass man an die Betenden immer Schokolade, aber auf keinen Fall essig­getränkte Schwarzwurst ausgeben sollte. Sonst drohten Vorgänge wie die legendäre Horrornacht von Braunschweig oder die Snickers-Morde in Brandenburg.

Die größte Halloween-Party in Berlin fand wie immer im Wirtschaftsministerium statt, wo der Ressortchef neben Süßem und Saurem auch Scharfes und Flüssiges bereitgestellt hatte. Sein traditioneller Kürbisauflauf in der Wanne mit pikanten Schweinskaldaunen, extraschweren Gnocchi und einer Beilage aus Birnenpudding und Schmachtlappen wurde mit 200 Flaschen Rotwein heruntergespült.

Anderntags fanden die Reinigungskräfte mehrere hochrangige Beamte, deren orangefarbene Gesichter von innen mit einem Restalkohol von bis zu drei Promille beleuchtet waren.

Politik und Gesellschaft sehen diese Kürbisprozessionen hingegen kritisch. Olaf Scholz zum Beispiel: „Millionen Menschen müssen täglich entscheiden, ob sie süß, sauer oder süßsauer essen können. Das sind doch die wahren Helden unserer Zeit.“

Uli Hoeneß: „Kinder sollen nicht so viel Süßes essen. Das macht krank. Wenn ich das damals gemacht hätte, wäre ich heute fett wie ein Pudding.“

Mark Zuckerberg: „Süßes oder Saures? You make me laugh. Mit unserer Datenbrille kannst du zwischen drei Millionen virtuellen Gemüse-Horrorfilmen wählen. Und übrigens: Ich sehe genau, was ihr Journalisten in der Pause so in euch reinfresst.“

Christian Lindner: „Süß oder sauer – das kann nicht vom Staat verordnet werden. Wir setzen auf Anreize. Aber Halloween bleibt ein Bekenntnis zur transatlantischen Partnerschaft.“

Annalena Baerbock: „Diese Gleichsetzung von Süßem mit Saurem halte ich für brandgefährlich, denn bei den Querdenkern rieche ich den sauren Atem der deutschen Geschichte.“

Elke Heidenreich: „Kennen Sie ein einziges Gedicht von Joseph von Eichendorff, in dem es um Gemüse geht? Die Jugend hat doch keine Sprache mehr! Jetzt brüllen sie ,Süßes oder Saures‘ – jeder Kürbis kann bessere Reime schnitzen. Widerwärtig!“

Ende der Woche wurde das Licht aus den zahllosen Kürbissen der Republik dann wieder schwächer.



Adrienne Braun

Cocktailsticks gegen Eisfüße

Adrienne Braun

Das ist jetzt ärgerlich, aber ich habe kalte Füße. Sehr kalte sogar. Dabei hatte ich die besten Vorsätze. Schon vor Wochen hatte ich beschlossen, in diesem Jahr zum ersten Mal in meinem Leben auch mal Kürbisse zu schnitzen. Ich sah mich schon versiert Monster, Hexen und Fratzen ritzen. Ich wollte zahnlose Geister in die Fenster stellen und grinsende Gespenster mit Teelichten ausleuchten. Eingehüllt in ein Meer aus behaglich flackernden Kerzen hätte ich die feuchte Jahreszeit begrüßt.

Aber nein, Chance verpasst – und kalte Füße. Selbst schuld, sagt eine Freundin. Sie weiß, wie man es sich schön macht. Mal hängt sie lustige Lichterketten ins Fenster, mal bunte Girlanden. Im Herbst werden Kastanien auf die Tische und Herbstlaub in den Regalen verstreut. Sie schaufelt Sand in Glasschalen und stellt Kerzen hinein. Und wenn Besuch kommt, wird das erste Blatt des Toilettenpapiers wie im Hotel zu einer Spitze gefaltet. „Würdest du es dir auch so schön machen“, sagt sie, „würde dir warm ums Herz – und hättest du nie mehr kalte Füße!“

Wobei man schon staunt, was so alles als schön gilt: Kissen, denen man in der Mitte einen gezielten Karateschlag verpasst. Teller, auf die essbare Linien gesprenkelt wurden. Gärten sind heutzutage ja auch nur dann schön, wenn eine Feuerschale darin steht. Als besonders schön scheinen Blumensträuße zu gelten, die ganz ohne Blumen auskommen. Ich habe kürzlich sogar einen Strauß der besonderen Art geschenkt bekommen. Zwischen ein paar traurigen Stängeln mit verhutzelten Beeren waren meterweise Draht, Folie, Flitter, Schnüre und Lametta eingearbeitet. Deshalb hätte man den Strauß eigentlich auf dem Wertstoffhof entsorgen müssen.

Apropos Blumenstrauß. Es gibt ja Leute, die überzeugt sind, dass es nur dann wahre Liebe ist, wenn man sich ständig Geschenke macht oder Blumen mitbringt – selbst wenn diese nur aus Sondermüll bestehen. Dabei stimmt das gar nicht. Ich habe in meiner Jugend sehr gern „Liebe ist . . .“-Cartoons gelesen. Seither weiß ich: Liebe ist, stetig zu wachsen. Liebe ist, gemeinsam den Abwasch zu machen. Aber vor allem ist Liebe „besser als jede Heizung“.

Ganz ehrlich – daran habe ich meine Zweifel. Deshalb habe ich bei dem Herbststrauß jetzt mühsam die Drähte und Folien entwirrt, den Flitter entfernt – und das Lametta kunstvoll herausdestilliert. Denn wenn ich schon das Kürbisschnitzen verpasst habe, muss ich es mir dringend anderweitig schön machen, um Herz und vor allem meine Füße zu erwärmen. Deshalb werde ich das Lametta jetzt mit Filzstiften anmalen und auf Schaschlikspieße kleben. Und falls ich je mal einen Cocktail servieren sollte, dann endlich mit der stilechten Dekoration – genauso, wie es sich gehört.



Bestseller-TÜV